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Barrierefreiheit

Warum ist das Kopftuch in Deutschland so ein großes Problem?

Das AGG soll unter anderem in der Berufswelt die Gleichberechtigung sichern. Man darf einen Bewerber nicht aufgrund seiner religiös motivierten Kopfbedeckung ablehnen. Warum werden Frauen die Kopftuch tragen trotzdem systematisch abgelehnt? Woher kommt diese Scheu? Es ist nur ein Stück Stoff!

Der Staat hat in jedem Land eine Repräsentations- und Vorbildfunktion. Man darf den Staat aber nicht repräsentieren, wenn man Hijabträgerin ist. Man darf keine Lehrerin, keine Richterin, keine Staatsanwältin und keine Polizistin werden.

Man sei dann eben in einer bestimmten Funktion, die es erfordert, den Hijab abzulegen. Als Ärztin muss man das Kopftuch auch ablegen. Es gibt klare Vorschriften für die Arbeitskleidung. In die Bundeswehr kann man nicht mit Kopftuch. Es gibt keine Politiker mit Kopftuch.

Warum sollte also ein Unternehmen, das sogar auf die Nagellänge der Angestellten achtet, jemanden einstellen, der Kopftuch trägt? Warum sollte eine Kleinkanzlei das auf sich nehmen?

Habe ich eine Behinderung? Nein. Bin ich behindert? Ja.

Beruflich bin ich so eingeschränkt, wie jemand, der querschnittsgelähmt ist. Warum? Wegen der deutschen Bürokratie, wegen der man durch ein Stück Stoff so eingezäunt wird, wie in kaum einem anderen freiheitlich-demokratischen Land.

Warum ich nicht kompromissbereit bin und einfach mein Kopftuch ablege? Warum soll ich das machen? Hindert es mich daran meine Arbeit gut zu machen? Bin ich, wenn ich es geschafft habe Richterin zu werden, nicht in der Lage, so selbstreflektiert zu urteilen, meine Religion und meinen Beruf auseinander zu halten? Wie wird sicher gestellt, dass ein Richter dem man seine Ansichten nicht ansieht, selbstreflektiert handelt?

Dürfen Frauen, die Kopftuch tragen auch nicht Vorsitzende vom Elternbeirat werden, weil sie mit einem Kopftuch nicht in der Lage sind Eltern zu repräsentieren, die kein Kopftuch tragen? Und Eltern mit Tattoos können das sowieso auch nicht. Und Eltern mit einem Kugelbauch auch nicht. Man darf nicht anders sein, um dazu zu gehören, ein Teil sein zu können.

Und ich integriere mich nicht?

Der Staat muss Muslime stärker einbinden. Zu Freunden machen, statt zu Feinden, damit auch seine Bürger Vertrauen aufbauen können. Eine Frau mit Kopftuch wird über einen arabischstämmigen Drogendealer nicht strenger oder sanfter richten, als eine muslimische Richterin, die kein Kopftuch trägt oder irgendein anderer Richter.

Mein Kopftuch ist meine Bürde und nicht die meines Arbeitgebers. Meinem Arbeitgeber wird kein Arm abfallen, wenn er mich einstellt. Kunden, die einen Laden meiden, weil die abkassierende Angestellte Kopftuch trägt? Gibt es so etwas? Wenn ja sollten diese Menschen verdrängt werden und nicht die Kassiererin. Weil solche Menschen nie nur gegenüber einer Sache intolerant sind.

Ein Rettungssanitäter, der eine Frau mit Kopftuch nicht behandeln darf, obwohl sie am sterben ist, ist dermaßen absurd und sehr “Saudi-Arabien”-Sense. Genauso absurd ist es aber, wenn eine Ärztin daran gehindert wird, Menschen zu helfen, weil sie Kopftuch trägt.

Bitte schafft die Barrieren in euren Köpfen ab. Ihr macht mir das Leben in diesem Land sonst unnötig sehr schwer.

Ich bin sicher, dass auch der Extremismus hier untergeht, wenn man ihnen den Wind aus den Segeln nimmt. Es ist so leicht, die eigenen Einstellungen und Sichtweisen zu ändern, im Gegensatz dazu, die der anderen Menschen zu ändern. Aber wenn man bei sich etwas ändert, lässt das die Umwelt die unberührt.

Also: Brain Power to save the World – Barrierefreiheit ist Kopfsache!

48 Kommentare

  1. Ich stell mir gerade nen Staatsanwalt vor Gericht mit Nudelsieb auf dem Kopf vor…. :-)))

    Schließlich ist das auf dem Kopf getragene Nudelsieb auch eine religiös motivierte Kopfbedeckung.

    Oder soll hier eine Bevorzugung von wenigen, ausgewählten (von wem?) Religionen angestrebt werden?

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      • Ja, allerdings nur in der Freizeit. Im Beruf ist es mir nicht erlaubt. Neben viel Gelächter und spöttischen Blicken hat sich aber auch schon so manches gutes Gespräch über Religionsfreiheit (und deren Grenzen) ergeben.

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  2. es soll nämlich keiner von akzeptanz und toleranz schwätzen, der eine kopftuchträgerin wie merve gleichsetzen will mit einer wo auch immer unterdückten frau in einer gesellschaft, die dafür den islam vorschiebt.
    und solange eine richterin oder ärztin oder lehrerin bei der arbeit ein kreuz um den hals tragen darf und nonnen im vollen habit an deutschen schulen religionsunterricht geben, aber kopftuchträgerinnen von all dem ausgeschlossen werden sollen, ist ungleichheit vor dem grundgesetzt gegeben.

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  3. Ich würde behaupten, derjenige, der querschnittsgelähmt ist, ist nicht so eingeschränkt wie du. Es gibt ja Behindertenquoten. Entscheiden sich Unternehmen dagegen, Behinderte einzustellen bzw. wird nicht ein bestimmter Prozentsatz Behinderter eingestellt, muss das Unternehmen Geld an den Staat zahlen. Insofern sind Unternehmen in gewissen Grenzen dazu motiviert, Behinderte einzustellen. Und wenn man sich z. B. beim Ödienst bewirbt, wird man als Behinderter immer bevorzugt (Voraussetzung ist natürlich die gleiche Qualifikation). Und im Ödienst sitzt auch immer ein Behindertenbeauftragter, der dafür sorgt, dass Behinderte (z. B. im Bewerbungsprozess) nicht benachteiligt werden.

    Die Gesellschaft ist leider sehr intolerant. Ich glaube, Menschen, die Piercings tragen oder Tattoos haben, haben ähnlich schwere Chancen wie du (Voraussetzung ist aber natürlich, dass man sie auf dem Bewerbungsbild sieht). Apropos Bewerbungsbild: Unternehmen gewöhnen sich so langsam daran, dass sie immer häufiger Bewerbungen ohne Bild bekommen. Könnte ein Vorteil sein. In einem Test habe ich mal gesehen, dass die Personaler entspannter reagieren, wenn sie mit der Wirklichkeit erst im Vorstellungsgespräch konfrontiert werden.

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    • És nen klitzekleinen Unterschied zwischen der Querschnittslähmung auf der einen und Tattoos, Piercings, Kopftuch auf der anderen Seite.

      Ein Tattoo auf seinen Körper zu machen ist ein selbstbestimmter Akt.
      Ein Piercing durch den Körper zu jagen, ist ein selbstbestimmter Akt.
      und Mervy hat auch in einem selbstbestimmten Akt, freiwillig also, beschlossen, sich ein Kopftuch aufzusetzen.

      Der Querschnittsgelähmte hat sich aber nur sehr unwahrscheinlich feiwillig und selbstbestimmt entschieden, querschnittsgelähmt zu sein.

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      • nein, pastafari, die freiwilligkeit ist nicht der entscheidende unterschied. sonst könnte man auch argumentieren, du mußt ja nicht an allah glauben und ein kopftuch tragen, du kannst ja auch atheist sein und dann brauchst du keins umhaben. du kannst ja auch versuchen, nicht mehr schwul zu sein und mehr mit frauen ausgehen, dann brauchst du keinen mann heiraten. du brauchst dich ja nicht beklagen, daß du als dicker diskriminiert wirst, iss halt weniger. merve drückt mit ihrem kopftuch eine religiöse überzeugung aus. die hindert sie nicht daran, recht zu sprechen oder kinder zu unterrichten. beides geschieht übrigens in deutschland gerne unter einem kruzifix an der wand. also, wir leben nicht mal in einem laizistischen staat.

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      • Das Gleiche an der Sache ist aber, dass ein Kopftuch auch nicht selbstbestimmt als Behinderung angelegt wird. Man sollte sich auch ein Kopftuch anlegen können, ohne dafür benachteiligt zu werden.

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    • Danke für deinen Kommentar..das mit den Quoten wusste ich gar nicht, aber finde es ehrlich gesagt sehr schlimm, dass wir so etwas brauchen. Ich würde es als Mensch mit einer Behinderung als störend empfinden, deswegen eingestellt zu werden.

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  4. Aus der Sicht einer säkularisierten Gesellschaft stellt sich vielmehr die Frage, ob nicht auch jedwedes andere religiöse Symbol aus dem staatlich-beruflichen Bereich verbannt werden sollte. Religion ist Privatsache. Was ich persönlich nicht verstehe, ist ausserdem, warum Menschen religiöse Symbole im Rahmen ihres Berufes nicht ablegen können/wollen. Ich kann das zwar tolerieren, verstehen aber weniger. Hier übt die Religion für mich eine zu starke Dominanz aus

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    • Frauen im Islam dürfen sowieso keine Richterinnen etc werden..da in Deutschland Frauen und Männer gleichberechtigt sind, stellt das auch den Islam vor neue Herausforderungen.

      Jedenfalls ist das Kopftuch als Ganzes zu verstehen. Ich kenne keine Situation in der man es temporär ablegen kann.

      Es ist wie die Krone eines Königs. Er trägt sie nicht immer, aber wenn er seine Intimsphäre verlässt, trägt er sie.

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    • Säkularer Staat nicht säkulare oder säkularisierte Gesellschaft. Bedeutender Unterschied, der beispielsweise von Burka Verboten verkannt wird. Und in Deutschland steht der Staat gem. dem GG nicht in a-religiöser Distanz, sondern fördernd gegenüber.

      Wie viel Dominanz die Religion ausübt ist zum Einen eine ganz persönliche Entscheidung, die insbesondere nicht durch den Staat manipuliert werden darf. Es ist eine Frage der inneren Überzeugung. Bei Fragen der Bildung des Glaubens oder der Überzeugung endet die Kompetenz des säkularen Staates.

      Zum Anderen macht Religion überhaupt keinen Sinn, wenn man einen Lebensbereich z.B. den Beruf von der religiösen Überzeugung aussparen würde. Insofern macht der Schutz der Religion, die ja gerade umfassend und weitgehend sein muss um als Religion zu gelten, keinen Sinn, wenn sich dieser nur auf abgeschottetes Privates erstreckt.
      Das Religion Privatsache ist bezieht sich nicht auf den Einzelnen und sein religiöses Leben sondern auf den Staat und seine Neutralität.

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      • In dem Augenblick, wo Religion (als Privatsache) im öffentlichen Raum ausgeübt wird, unterliegt ihre Praxis bestimmten Regeln, damit ein friedfertiges und auch für alle gefahrloses Zusammenleben möglich ist.
        Dies betrifft zum Beispiel die Hygienevorschriften für OP und Intensivstation, an die sich ausnahmslos alle halten müssen.
        Für den Staatsdienst gilt Neutralität, die sich auch äußerlich in neutraler Bekleidung zeigt. Die Nonnen im Habit betrachte ich als Relikte einer Vermischung von Staat und Kirche; an staatlichen Schulen hat geistliche Tracht daher nichts verloren, wie ich finde. An konfessionellen Schulen, die als solche ja erkennbar sind, ist es ok.
        Das Kopftuch der Muslima ist mE nicht nur Ausdruck persönlichen Glaubens, sondern einer Lebensphilosophie, die alle Lebensbereiche gestalten möchte. Dagegen ist nichts einzuwenden. Als Symbol einer sich auch politisch verstehenden Religion ist es aber nicht neutral, sondern transportiert ganz klar nach außen bestimmte Werte. Insofern sind Kopftuch und staatlicher Schuldienst aus meiner Sicht so wenig vereinbar wie Lehrerinnen in Ordenstracht dort wünschenswert sind. Nur weil es die einen (noch) gibt, sollte nicht noch eine weitere Ausnahme gemacht werden.

        Woran liegt es eigentlich, dass viele Muslimas kein Kopftuch tragen? Sind sie weniger gläubig?

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  5. „Beruflich bin ich also so eingeschränkt, wie jemand der querschnittsgelähmt ist“.
    Ich weigere mich, mir deine Oberflächlichkeit weiter anzutun.
    Weisst du eigentlich, wie unverschämt diese Äußerung ist.
    Du solltest dich schämen.

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    • liebe arabella 50,

      wer ist hier denn oberflächlich?
      merve jedenfalls nicht:
      1. ist sie, da sie mit kopftuch ihren beruf schlicht g a r nicht ausüben kann, beruflich n o c h eingeschränkter als ein mensch mit querschnittslähmung, der nämlich vom rollstuhl aus zum beispiel den richterberuf ausüben kann.
      2. ist es ein schlechter witz, wenn du diesen und andere von merves klugen und immer sehr selbstreflexiven posts damit kommentierst, du weigertest dich, dir ihre „oberflächlichkeit weiter anzutun“ und gleichzeitig selber nicht mehr zu bieten hast, als ein ödes grundschuhllehrerinnengetue á la „schäm dich“.
      du hast nicht ein einziges argument vorgebracht, warum das faktische berufsverbot, das in deutschland über gläubige kopftuchträgerinnen verhängt wird, keine einer starken behinderung vergleichbare einschränkung sein solle.
      die einzig oberflächliche und anmaßende also, die in diesem blog kommentiert hat, bist du schlicht selber.
      daß es sich hier auch noch um eine benachteiligung von frauen gegenüber männlichen muslimen handelt, ist dir vielleicht noch gar nicht in den sinn gekommen?

      guter gruß @meleksgrafitto

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    • Weshalb findest du das unverschämt? Ich habe diesen Text nach dem Mailwechsel mit einem Querschnittsgelähmten Freund der Familie geschrieben, der eine eigene Kanzlei hat und arbeitet, aber mir erzählte, vor welche Probleme er gestoßen wird im Umgang mit anderen Menschen in der Berufswelt. Wir konnten da viele Gemeinsamkeiten sehen und ich finde den Vergleich gar nicht unverschämt. Im Gegenteil: Ich finde es hilf einem den Sachverhalt besser zu verstehen. Wenn du wissen willst, wie es ist ein Kopftuch zu tragen in Deutschland, dann mach es doch mal.

      Der Freund von dem ich spreche hat sich seine Einschränkung nicht selbst ausgesucht. Ich habe es mir aber auch nicht ausgesucht eine „Einschränkung“ zu haben. In England zB ist es ein weit weniger großes Problem ein Kopftuch zu tragen. Da ist ein Kopftuch KEINE Einschränkung. Es gibt sogar eine Richterin, die ich bei einer Podiumsdiskussion kennen gelernt habe, der extra ein Kopftuch zu ihrer Robe geschneidert wurde und es gibt zu Polizeiuniformen offizielle Kopftücher. Scheinbar ist es gar nicht so schwer ein Teil zu sein, nur hier in Deutschland muss ich mir anhören ich sei unverschämt, wenn ich den Mund aufmache.

      Es steht dir frei, dich in eine kleinkarierte Welt zu begeben, wenn es dir lieber ist, dass Primamuslima nur romantische Blümchengeschichten schreibt!

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        • Darf ich denn fragen, warum du allgemein in letzter Zeit so negativ eingestellt bist gegenüber meinem Blog. Es wirkt auf mich beinahe so, als hättest du dich mit jemandem über mich ausgetauscht, der mir nicht wohl gesonnen ist. Ich beobachte einen deutlichen Gesinnungswechsel in deinen Kommentaren.

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          • Nein, ich tausche mich mit niemand aus.
            Ich finde Antworten wie die mit dem „Nackt herum laufen “ findest du auch in Ordnung nicht gut.
            Die zunehmende Islamisierung Europas ist ein Thema das mich beunruhigt.
            Meine unüberlegte Äußerung rechtfertigt das nicht.
            Du kannst sie gern entfernen.

  6. Pingback: Die Frauenquote nach de Sade | Stützen der Gesellschaft

  7. Hier scheinen mir einige Ebenen durcheinander geraten zu sein:

    1. eine selbst gewählte (wie auch immer begründete) Einschränkung (ein Kopftuch unter KEINEN Umständen in der Öffentlichkeit ablegen zu wollen) ist natürlich nicht vergleichbar mit einer Körperbehinderung, die der Betroffene gerne los wäre, aber bestenfalls mit Hilfsmitteln ( Prothese, Rollstuhl) lindern kann. Insofern stellt diese instinktlose Gleichsetzung tatsächlich eine Verhöhnung von Behinderten dar.

    Es wird außerdem auch kein Mensch mit einer Beinamputation darauf pochen können, unbedingt Dachdecker zu werden, und ein Forstmensch mit Querschnittslähmung nach Arbeitsunfall hat keinen Anspruch, wieder im Revier eingesetzt zu werden, sondern er wird auf einen gleichwertigen Verwaltungsjob versetzt oder umgeschult.
    Von daher ist die Argumentation, niemand dürfe aufgrund seiner Religionszugehörigkeit die uneingeschränkte Teilhabe an allen Berufen verwehrt werden, hier schlichtweg unzutreffend:

    nicht wegen der Religionszugehörigkeit an sich scheiden manche Tätigkeiten aus, sondern weil sich die Bloggerin aus freien Stücken einer besonders strikten Auslegung der Kleiderordnung unterwirft. Dies ist ihr gutes Recht, aber der Arbeitgeber kann nicht verpflichtet werden, dies zu gewähren. Schon gar nicht, wenn es sich um Arbeitsplatz-Schutzvorschriften handelt, denen alle Beschäftigten unterworfen sind, wofür wiederum der Arbeitgeber haftbar ist.

    Ich persönlich gestatte mir die Nachfrage:

    Wenn eine Religion selbst derart strikte Anforderungen an ihre Mitglieder stellt, dass diese aufgrund von Gewissenskonflikten an der vollen Teilhabe gehindert werden, verletzt diese Religion dann nicht selbst die Vorgaben der Human Rights Charter?
    Muss der Staat dann nicht dafür sorgen, dass seine muslimischen Bürger von diesen unzumutbaren Einschränkungen befreit werden?

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    • Der letzte Abschnitt dieses Kommentars trifft in etwa meine Ansicht, die ich lange Zeit vertreten habe. Wir im christlichen Europa haben Jahrhunderte dafür gekämpft, uns von der Gängelei einer machtversessenen Kirche zu befreien. Und jetzt kommt eine andere „Kirche“ daher und beginnt wieder damit, ihre Mitglieder mit unsinnigen und nicht mehr zeitgemäßen Vorschriften zu gängeln.
      Von da kommt m. e. das Unbehagen, das viele Deutsche dem Islam gegenüber empfinden.
      Seid ich allerdings Merve kenne, musste ich erkennen, dass Koptuchtragen nicht unbedingt ein Ausdruck des Unterdrücktseins ist, sondern auch ein freiwilliges Bekenntnis zum eigenen Glauben sein kann. Genauso wie dies das bewusste Fasten eines Christen in der Fastenzeit sein kann.
      Meine Einstellung zum Kopftuchverbot hat sich dadurch ehrlich gesagt um 180* gedreht.
      Merve hat vollkommen Recht, wenn sie sich diskriminiert fühlt.

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      • Der Vergleich mit dem Fasten ist treffend. Den Arbeitgeber interessiert nämlich auch nicht, falls ein Arbeitnehmer für die Fastenzeit besondere Schonung beansprucht, da er ja wegen des Fastens nicht so belastbar sei.

        Glaubensentscheidungen hat man als erstes selbst zu verantworten; sie fallen zum Glück in den Bereich der freien Wahl – nach deutschem Recht.
        Alle persönlichen Entscheidungen sind immer auch mit Verzicht verbunden.

        Z.B.
        Will ich Kirchensteuer zahlen?
        Will ich mich mit der Eheschließung auf den EINEN Partner festlegen?
        Will ich Arzt werden und in Kauf nehmen, dass ich jede 3.Nacht arbeiten muss?
        Will ich Kinder haben und damit lange auf Selbstverwirklichung und hohes Einkommen verzichten?

        Kein Mensch hindert Merve (hoffentlich) daran, für sich selbst eine flexible Lösung mit dem Kopftuch zu finden. Es gibt Musliminnen, die kein Kopftuch tragen. Ist es wirklich so verwerflich, für bestimmte berufliche Tätigkeiten das Tuch abzulegen? Das kommt mir sehr seltsam vor und erinnert mich an die enge gesetzliche Frömmigkeit von christlichen Sondergemeinschaften, in denen Mädels keine Hosen tragen dürfen (Männerkleidung) und Frauen im Gottesdienst Kopfbedeckungen tragen müssen (die Engel könnten sonst lüstern werden; bibl. Vorstellung vor 2000 Jahren)

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          • Mir wäre lieber, du würdest dein Argument hier zusammenfassen, damit es lesbar ist und man hier darauf antworten kann. Barrierefreiheit sozusagen 🙂

      • zur Definition von Freiwilligkeit gehört für mich die Freiheit, Symbole auch ablegen zu dürfen. Ich sehe kein wesentliches Problem darin, warum z.B. eine Richterin kein Kopftuch tragen dürfte, wenn sie sie sich die Freiheit nehme, es in der Öffentlichkeit auch mal abzulegen.

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        • Stimmt, aber ich denke, dass das dann der Richterin ihre Privatsache ist. Wenn ich mal abends weggehe und es unpassend finde dabei ein Kopftuch zu tragen, müsste ich das auch nicht erstmal hier Öffentlich erörtern. Ich denke, Kopftuch ist dann doch eben Privatsache..selbst wenn es gar nicht danach aussieht.

          Mir tun halt wirklich die Frauen leid, die das wirklich nicht frei entscheiden können.

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          • Ich weiß und ich würde dir sehr gerne weiter helfen, aber ich verstehe wirklich einfach nicht, was du von mir hören willst. Warum ich Kopftuch trage? Du willst eine Erklärung hören? Die hab ich leider nicht. Ich mache es einfach..das ist was irrationales. Vielleicht ist das sowas wie ein Zeichen, dass ich folgsam bin dem Schöpfer gegenüber..egal wie freigeistig ich auch bin.

  8. Wie du weißt, achte ich als grundsätzlicher Gegner jeder Kleiderordnung deinen Wunsch, dich durch das Kopftuch selbst zu verwirklichen. Man muß da aber unterscheiden: Wenn du als Juristin mit Kopftuch keine Richterin werden darfst, finde ich das unfair, denn damit schadest du niemandem. Da spielt durchaus säkularistische Intoleranz eine Rolle.

    Hättest du aber Medizin studiert und würdest z.B. eine Tätigkeit als Narkoseärztin anstreben, dann geht das gar nicht, daß durch religiös motivierte Individualkleidung, bei der die notwendige Sterilität nicht gesichert ist, im OP und auf der Intensivstation die Leben von frischoperierten Patienten gefährdet werden. Die Zeiten, wo Ordensschwestern in vollem Habit samt Haube und langem Schleier im OP-Saal als wandelnde Bazillenschleudern assistierten, sind heute gottseidank vorbei, und diese Zeiten möchte wohl niemand mehr zurück. Wenn in so einem heiklen Arbeitsumfeld eine Muslima trotzdem auf ihre religiöse Kleidung besteht, muß sie eben die Folgen ihrer Kompromißlosigkeit tragen.

    Ein anderer Punkt ist für mich die Frage, wie eigentlich das rigide und kompromißlose Befolgen einer religiösen Sitte mit Selbstverwirklichung zu vereinbaren ist. Wenn frau blind den Vorschriften religiöser Autoritäten folgt, wo bleibt da eigentlich das Selbst, das frau verwirklichen möchte? Wo steht denn geschrieben, daß die Kopfbedeckung der Frau unbedingt sämtliche Kopfhaare und den Hals bedecken muß? Denn daran hängt doch das ganze Problem: Wenn die Art und Form der Kopfbedeckung als praktisch in Stein gemeißelt betrachtet wird, wird jede mögliche Alternative von vornherein als ungenügend verworfen. So daß dann sogar eine OP-Haube zum Problem wird, und die Möglichkeit abzuklären, ob eine observante muslimische Richterin in der Verhandlung eine Häkelmütze oder Perücke tragen könnte, erst gar nicht erwogen wird. Statt dessen stellt man sich lieber einfach als von der intoleranten Gesellschaft behindert dar und bittet um eine Runde Mitleid.

    Und für sture Prinzipienreiterei, mit der man sich selbst zum Märtyrer macht, habe ich ebensowenig Verständnis wie für die Intoleranz säkularistischer Ideologen, die immer gleich nach Verboten schreien.

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    • Ich kann deine Argumentation nachvollziehen und respektiere deine Meinung. Es gibt eben aber auch andere Ansichten, die genauso ihre Berechtigung haben.

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  9. In diesem Blogbeitrag schildert eine observante Jüdin, wie sie hierzulande mit dem Gebot der Kopfbedeckung umgeht:

    http://mittendrin.wordpress.com/2008/04/06/die-kopfbedeckung-bei-judischen-frauen/

    Ich finde, daß eine solche pragmatische Herangehensweise für Muslimas, die in einem kulturell nichtmuslimisch geprägten Land leben, durchaus nachdenkenswert sein könnte. Aber das bleibt natürlich deiner persönlichen Sichtweise überlassen, welchen Prioritäten du den Vorrang gibst.

    Schönen Restsonntag noch, und guten Wochenstart!

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  10. pragmatisch heißt hier dann, sich unauffällig machen, ein wenig verstecken, sein recht nicht öffentlich wahrnehmen wollen? in einem solchen staat, in dem man seine religion so verstecken muß, damit niemand seine vorurteile an einem austobt, leben wir doch angeblich nicht? ein kopftuch ist wie ein kreuz um den hals. einfach ein symbol für den glauben. es wird zeit, daß höchste gerichte in deutschland diese diskiminierung endlich beenden, die bei lehrerinnen und richterinnen zb auf faktische berufsverbote hinauslaufen. wobei wie selbstverständlich in klassenzimmern und gerichtssälen kreuze hängen. man kann sie abnehmen lassen, ja, und riskiert einen proteststurm der angeblich christlich geprägten volksgemeinschaft unter führung von BILD. entweder säkular, dann für alle, oder relgiöse toleranz und dann auch für alle.
    guter gruß @meleksgrafitto

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  11. Pingback: Die Frauenquote nach Marquis de Sade – FAZ | Neues Münchener Tagblatt

  12. Liebe Mervy,
    zunächst will dich dir bei „behindert“ widersprechen. Es handelt sich nicht um etwas unabänderliches, was dir als Schicksal widerfahren ist, sondern um deine Entscheidung, und die Reaktionen anderer.

    Es ist nicht deine Religion, die das Problem darstellt, sondern deren kulturelle Interpretation und ihr Ausdruck in der Kleidung. Soweit ich die Diskussion über die drei betreffenden Suren verstehe, kann man aus dem Koran selbst kein klares Kopftuchgebot ableiten; es ist vielmehr eine Tradition, eine Sitte.

    Du kannst dich natürlich dazu entscheiden, dieser Tradition und deinem Bekenntnis zum Islam mit einem Kopftuch Ausdruck zu verleihen.
    Deine persönlichen Gründe und Überzeugungen kann man daran aber nicht sicher erkennen – jedes Symbol wirkt vereinfachend und zusammenfassend.
    Und das Kopftuch bei Muslimas ist zumindest in Deutschland stark mit der Sorte Kultur verbunden, bei der man mit der Trägerin unter Androhung von Gewalt nicht reden darf – jedenfalls in der Gegend wo ich lebe.
    So wie ich dich online kennengelernt habe, ist das für dich aber deutlich anders. Du lebst offenbar selbstbestimmt, bist wortgewandt, und hast dich bewußt für deinen Glauben und das Symbol Kopftuch entschieden. Du meinst dein Kopftuch, entnehme ich deinem Blogpost, als sichtbares Bekenntnis zu deinem Glauben und dessen Auslegung.

    Aber bitte ziehe auch in Betracht, daß ein Symbol nicht immer so ankommt wie es gemeint ist, und daß auch andere dessen Bedeutung mitdefinieren.

    Nicht jeder Muslim muss Bart tragen, nicht jede Muslima Kopftuch, um gute(r) Gläubige zu sein – und nicht jeder Jude Kippa. Wenn jemand ein religiöses Symbol öffentlich zeigt, geht das über den eigenen, inneren Glauben und die Beziehung zu Gott hinaus: dann ist es eine Mitteilung an andere Menschen.

    Welche Mitteilung das genau ist? Da kann man sich mißverstehen.

    Reicht es nicht, sein Leben nach seinem Glauben zu führen, muß man ein Symbol zeigen? Du hast dich für „ja“ entschieden; aber was das Kopftuch bedeuten soll, was du damit mitteilen willst, das ist nicht auf den ersten Blick zu verstehen.

    Andere wie z.B. Innenwelttramp haben sachliche, praktische Aspekte angesprochen, die ich für leichter nachvollziehbar und schlüssig halte.

    Ich habe hier hingegen absichtlich den m.E. heikelsten Punkt angesprochen. Ich hoffe, ich konnte respektvoll genug darstellen, wo ich dort die Konfliktquelle sehe – und warum ich auch selbst kein abschließendes Urteil dazu fällen kann.

    Einen friedlichen Dezemberanfang wünscht
    quuux

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  13. auch das christliche kreuz stand und steht für vieles problematische im zusammenhang mit dieser religion und dennoch darf es jeder in diesem land tragen und dabei jeder tätigkeit nachgehen, die mit dem tragen einer kette vereinbar ist.? und nehmen wir das kopftuch als ein symbol, das merve für ihren glauben öffentlich verwenden möchte (welches andere k ö n n t e sie denn verwenden?) und daß das in einem freien land eben erlaubt sein muß: dann wird sie in ihrer freiheit zum beispiel der berufswahl behindert, wenn sie dasselbe tut wie ein christ mit seinem kreuz. und das ist bei der vielzahl der muslime und bei der gerne beschworenen tatsache, daß der islam zu deutschland gehört, schlicht und einfach eine diskrimierung. ob dieses symbol bei allen, ob nun vorurteilsbeladen oder eher einfach kenntnislos in sachen islam, so ankommt wie merve es meint, das kann nicht ihre sache sein, nicht in einem demokratischen land. sie ist nicht für die borniertheit der anderen zur rechenschaft zu ziehen. und wer sich unsicher ist, w i e sie es damit meint, der kann sie auch im bus oder in der kneipe ansprechen. ich bin mir ziemlich sicher, daß merve auch mit kopftuch ausstrahlt, wie gerne und gut sie auf jede frage eingeht. der ball ist nicht in ihrem feld, denke ich, aber sie wird jeden gut geworfenen gern aufnehmen und gekonnt und freundlich zurückwerfen. wer reden will, der kann es also tun. nicht nur hier. ich nehme mein kreuz nicht ab und ihr ist das kopftuch zu lassen. sonst brauchen wir von der freiheit der andersdenkenden gar nicht mehr zu reden, gell herr gauck?
    guter gruß @meleksgrafitto

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    • meleksgrafito,
      ich stimme dir völlig zu, daß Gleichbehandlung gelten muß, egal für welches religiöse Symbol. Das wurde ja auch vor Jahren beim Urteil über Kreuze in Klassenzimmern diskutiert. Dabei ging es auch um Vorbildfunktion gegenüber Kindern und anderes; vor allem aber darum, daß wir zum Glück in einem Staat leben, der Religionsfreiheit gewährt und keine Staatsreligion vorschreibt.

      http://de.wikipedia.org/wiki/Kruzifix-Beschluss

      Wenn jemand gut sichtbar ein Kreuz trägt, dann kann das je nach Stil und Zusammenhang gar nichts bedeuten (Madonna) oder Mitteilung einer stark konservativen Interpretation des Christentums (Holzkreuz mit geweihter Medaille). Wie Symbole zu interpretieren sind, das ist der eine Themenstrang, und über den können wir uns gerne weiter unterhalten.

      Der andere ist Ausstrahlung einerseits, kulturelles Handeln andererseits. Wer für unaufdringliche, höfliche Worte schon mal eine Faust ins Gesicht bekommen hat, der wird den Hinweis nicht so schnell vergessen – das magst du Vorurteil nennen, andere nennen es ihre Erfahrung. Online ist die Gefahr dafür zum Glück gering.

      Also, Symbole. Sind es nur nur vorurteilsbehaftete und bornierte, die das Kopftuch als Symbol interpretieren – und wenn ja, als Symbol für was?

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  14. In der Schule eines säkularen Staates zählt der Wille der Elternschaft auf einen klassischen Unterricht, und es ist eine der wenigen Momente, wo eine Hiab ablegt und eine Muslima aber unterrichtet.
    Das Ablegen mag weh tun, aber andere Bekenntnisse trifft es auch, es ist gerecht, in den Institutionen neutral zu sein.
    Das Ablegen eines Hiab kann weh tun, ebenso Worte.
    Gerade im interreligiösen Zusammenleben hat jeder religiöse Mensch Momente, wo es im nicht behagt oder schockiert.
    Und das wird eben auch besonders herbei geführt, durch die Gläubigen , die im Sinne der inneren Dogmen ihres Bekenntnis andere Religion herabsetzen oder ausschließen müssen:
    „Im Grunde sind wir doch alle Muslime und es gibt nur einen Gott“
    Diese Worte, und sind sie auch lieb gemeint, können einen andersgläubigen Menschen in seiner Religiösität treffen.
    So ein Satz kann vom Ohr aus in den Körper fallen, bis in die Füße 

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