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Kopf oder Zahl

Es geht ums Netz und Migration und irgendwo da drin bin ich. Ich, eine Muslima, in einer wunderschönen Moschee. Oder einem Hörsaal?

Oh, ich freue mich sehr, endlich mal in Deutschland eine richtige Moschee zu sehen. Mit Kuppel bzw Dom und schönem Teppich, verziehrenden Fließen und dekorativem Mosaik, echter Kanzel, Gebetswaschräumen und sogar Minarette. Für mich ist das nicht selbstverständlich in Deutschland. Aber Muslime in Moscheen gibt es doch zu Hauf.

“ Wenn’s um Eis geht, dann in einer Eisdiele“ sagt mir ein Freund. Das sollte Gesellschaftskritik sein und irgendwo hat er Recht. Wenn es um Glauben/Religion geht dann ist es ok. Aber wenn es um etwas anderes geht ist es Klischee. Und es geht um etwas anderes.

Ich liebe Moscheen und ich besuche sie auch sehr gerne und regelmäßig, auch wenn sie hier bei uns im Süden nicht so schön sind. Meistens geht es dabei um beten und Koran lesen oder es gibt eine Predigt, manchmal wird ein Neugeborenes gefeiert, ein islamisches Fest oder eine Hochzeit und dass ich als Muslima in einer Moschee bin merke ich meistens daran, dass ich entweder etwas adäquates dabei oder an habe (langer Rock, weites Kopftuch). Ich habe mich aber noch nie gefragt, ob ich in eine Moschee gehöre und spontan fällt mir eigentlich immer nur die Uni ein. Die Bibliothek, ein Hörsaal, die Mensa, der Garten..wir haben keinen Campus, aber ich lebe praktisch in der Uni und ich fühle mich wohl hier. Trotzdem ist es komisch dieses Bild: Muslima mit Kopftuch + Uni? Gehöre ich hier her?

Ehrlich gesagt habe ich ein bisschen Angst, dass ich in einer Moschee nicht mehr Merve aus Tübingen bin, sondern Ayse, die mit 4 Jahren aus Anatolien auf einem Esel nach Deutschland geritten kam und jetzt Anwältin werden möchte.

Ein anderer Freund hat mal gesagt: “Akademikerinnen mit Kopftuch werden bald das Image des Kopftuches in Deutschland verändern” (http://mervykay.wordpress.com/2013/10/18/blockquote-cla/) und das ist auch irgendwie die Message, die ich mit meinem Blog rüber bringen möchte. Dass Muslime überall hin gehören und nicht nur in ihre „Nieschen“.

Das ganze Setting in der Moschee verfälscht dann alles, was ich bezwecken will. Und da wäre es jawohl für die richtige Message eher förderlich, wenn man an einem etwas moderneren, um nicht zu sagen westlicheren, nicht ganz so konservativ angehauchten Ort sein würde. Mit diesem Moschee-Setting bedient man doch nur genau das Klischeehafte und festigt unterschwellig ein bestimmtes Bild.

Ich behaupte jetzt mal, dass 50 % der Deutschen durchaus im Hinterkopf haben, dass ein religiöser Moslem/eine religiöse Muslima und dann noch in einer Moschee, nicht zu Deutschland gehört und da wäre die Location als Stilmittel, um dagegen zu halten, mehr als falsch. Denn die Menschen, die so denken, hat man damit gleich verloren.

Moscheen sind sicher interessant und eine Muslima in der Uni vielleicht leider auch noch ein bisschen. Nicht zuletzt werde ich in der Uni von Besuchern eines Konzertes im Festsaal oft für eine Putzfrau gehalten. Ersteres ist vielleicht gar nicht so schlecht. Dafür kann man jedes Jahr den Tag der Deutschen Einheit, wie gleichzeitig auch der offenen Moschee, nutzen, um das zu ändern. Letzteres aber kann durchaus schwerer sein, denn da muss man tief rein in die Köpfe, aber vielleicht will ich das?

Keiner kann mir diese Entscheidung abnehmen. Möglicherweise liegt meine Skepsis auch einfach nur daran, dass ich nicht so eine laissez faire Lebenseinstellung habe. Eine Moschee ist aber für mich auch keine Deko und deshalb bin ich mir eigentlich fast sicher, dass ich mich in einem Hörsaal wohler fühlen kann.

Ich gehöre nicht zu meinem Glauben, mein Glaube gehört zu mir!

Bis Bald,

Mervy Kay

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  1. Ich glaube, dass da nur ein Teil von deiner Religion und Vorurteilen gegenüber dem Islam herrührt. Gerade unter Studenten hat jeder religiöser Mensch, der seinen Glauben lebt und ihn auch noch nach aussen zeigt einen schweren Stand. Das passt nicht ganz in die säkulare Grundstimmung. Werden Akademiker mit Kopftüchern das verändern? Kann gut sein. Eventuell wird Religösität wieder etwas normaler und nicht gleich automatisch in die Prä-Aufkärungszeit einsortiert. Religiösität und Bildung sind bei vielen ein Widerspruch. Das erste was mir da einfällt sind die Kreationisten und born again christians… schlimmes volk. Leider werden da muslime von manchen mitverhaftet…

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    • Hallo Tom,

      es stimmt, dass für viele Menschen „Religion“ im Alltag nichts zu suchen hat. Das kann ich gut verstehen und teilweise sogar unterstützen.

      Einem Christen sieht man Religiosität nicht unbedingt von außen an, einer Muslima, durch ihr Kopftuch schon. Deshalb denken auch viele Leute, dass sie das etwas angeht. Sie fühlen sich automatisch betroffen, dadurch das sie es wissen.

      Deshalb darf zB. eine religiöse Muslima keine Richterin werden, ein religiöser Christ schon. Der Muslima wird in diesem Fall nicht zugetraut, dass sie ihre Religion zurückstellen oder auch etwas anderes als ihre Religion repräsentieren kann.

      Doch ich bin zuversichtlich, dass sich das schnell ändern kann. Es gibt immer mehr Menschen, denen der Islam einfach egal ist, weil es sie nicht interessiert und das ist ganz gut so, denn mir ist es auch egal, ob jemand transsexuell ist, Christ, ob jemand eine Behinderung hat oder in einem Schützenverein ist. Das alles interessiert mich nur dann, wenn mich die Person als Mensch und persönlicher Ebene interessiert.

      Wenn sie als Richter auftritt, interessieren mich nur ihre richterlichen Qualitäten, als Lehrer nur die pädagogischen, etc.

      Aber ich kann dir Recht geben, dass dieses Problem nicht nur Muslime betrifft, wenn ich zB. in einer Zeitschrift lese, dass eine Polizistin darauf angesprochen wird, warum sie ein Tattoo hat. Die arme Polizistin! 😉

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      • Liebe Mervy Kay.
        Eine Muslima darf sehr wohl Richerin werden. Der Staat muß alle nach dem GG gleich behandeln. Es geht aber auch um die Neutralitätspflicht des Staates. Als Richter/in repräsentiertst du den Staat in einer ganz bestimmten herausragenden Person. Du bist quasi nicht mehr die private Person sondern davon losgelöst. Wie kann man das nun am Besten im Gericht zeigen? Es geht nicht darum sein Innerstes zu verbiegen oder verleugnen. Hier geht es auch darum die besondere Position des Richteramtes herauszustellen. In England beispielsweise wird es durch eine besondere Kleidung ausgedrückt. Wie hier rudimentär auch oder ganz verstärkt beim Bundesverfassungsgericht.
        Es ist ein sehr schweres Problem mit dem sich unsere Gesellschaft auseinandersetzen muß. Mit Verständnis auf beiden Seiten. In diesem Fall geht es nicht um Diskriminierung oder Herabsetzung. Es geht um die Würdigung dieses Amtes. Und es betrifft soweit ich weiß alle sichtbaren Zeichen die die Zugehörigkeit zu einer „Gruppe“ zeigen.
        Verstehe mich jetzt nicht falsch, ich gestehe jedem das Recht auf freie Meinungsäußerung oder Ausübung seiner Religion zu, das sichert uns das GG. Aber es gibt Dinge, wo der Staat uns gegenüber tritt und der Staat darf nicht zeigen welche Religion er ausübt oder angehört.

        Liebe Grüße
        Jörg

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        • Hallo Jörg,

          vielen Danke für Deine Antwort. Ich denke, dass eine Richterin durch die Wahl diese Berufes inhärent zum Ausdruck bringt, hinter dem deutschen Gesetz zu stehen und das Amt zu würdigen. Optisch unterstreicht sie das mit einer Robe. Ein Accessoir, wie ein Tattoo, eine Kippa, ein Kopftuch, ein Schnurbart, ein Bart, Ohrringe oder bunte Haare gehören zu dem persönlichen Menschen dazu und schließt die Objektivität nicht aus. Einer geschiedenen Richterin, darf man schließlich auch zumuten, eine Scheidung zu vollziehen, ohne die männliche Partei zu benachteiligen. So kann man einer Muslima mit Hijab auch zumuten, ihren Beruf gewissenhaft auszuführen, auch wenn man ihr ihre Religionszugehörigkeit ansehen kann. Zumal es nach islamischen Vorschriften (der Scharia) verboten ist, dass eine Frau das Richteramt bezieht oder ein Moslem allgemein nach „fremdem“ Recht richtet, kann man dieser Person konkludent unterstellen, ihren soziokulturellen Alltag, von der amtlichen Ebene zu trennen.

          Ich hoffe, Du kannst deine Einstellung überdenken. Ich bitte darum!

          VLG
          Merve, eine angehende, deutsche Richterin mit Hijab 😉

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  2. Liebe Merve
    Ich möchte nur folgendes zu bedenken geben. Wenn es zulässig ist mit Hijab als Richterin im Gericht aufzutreten, so müssen wir es auch mit Vollverschleierung zulassen. Wir müssen akzeptieren das Turbane, Käppis und sonstiges Accessoires im Gerichtssaal Einzug halten. Wo hört es auf? Wer darf und wer nicht? Hat der Staat nicht das Recht Bekleidungsvorschriften zu formulieren um ein einheitliches und neutrales Bild seiner Richter zu schaffen? Wenn es keine Vorschriften in dieser Hinsicht mehr gibt, also alles ist erlaubt, wo bleibt die Würde dieses Ortes? Somit werden sämtliche Accessoires aus dem Gericht verbannt. Oder darf nur und ausschließlich das Kopftuch erlaubt sein? Ich sagte ja, daß es schwierig wird eine Lösung zu finden. Ich respektiere den Wunsch seine Religion mit all seinen Vorschriften, Geboten auszuüben. Aber die Religion steht für mich im Hintergrund wenn es um die Gerichtsbarkeit und den Staat geht. Anders ist es bei den Anwälten. Sie vertreten ihren Mandanten und nicht den Staat. Da sehe ich keine Probleme.
    Ich gestehe es jedem Menschen zu, nach seiner Facon glücklich zu werden, ist er aber in einer Funktion des Staates unterwegs, müssen andere Regeln gelten und der Staat hat das Recht diese auch zu formulieren. Die meiner Meinung nach auch so sein müssen. Das hat nichts mit Unterdrückung oder Diskriminierung zu tun. Es hat auch nichts damit zu tun einer Muslima objektive Rechtsprechung abzusprechen.
    Der Staat lässt die kulturelle Vielfalt zu, indem er sich selbst neutral verhält. Das ist die Kernaussage dahinter.
    Jetzt bitte für mich zum Verständnis. Du schreibst, das es nach islamischen Vorschriften verboten ist, daß eine Frau das Richteramt bezieht. Du verstößt somit gegen eine Vorschrift des Islam indem du dieses Amt ausüben möchtest. Bestehst aber auf deinem Recht als angehende Richterin den Hijab aus religiösen Gründen zu tragen. Hier sehe ich nicht durch. Gibt es keine Möglichkeit die Gebote zeitweise ausser Kraft zu setzen?
    Bitte mich nicht falsch verstehen, ich setze mich mit allem dafür ein, das jeder so sein darf, wie er sein möchte. Aber ich finde, daß dieses Recht auch gewissen Einschränkungen unterliegen muß. Wie diese Einschränkungen aussehen sollten oder nicht, muß in der Gesellschaft diskutiert werden.

    Liebe Grüße
    Jörg

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