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Stichwort: Burka

Sehr geehrte Leser, lieber Autor des Blogs Zeitspiegel,

in Deinem Artikel vom 20.11.2014 Kopftuch/Burka-Debatte reloaded, der sich mit dem Praktizieren islamischer Kleidungsvorschriften in unseren Straßen beschäftigt, beziehst Du schärfer Stellung zum Thema, als einige Jahre zuvor mit Kopftuch Privatsache!

Ich, als gebürtige Muslima, kann diese Entwicklung nur aus der Außenansicht beobachten und teilweise nachvollziehen. Es ist ein Fehler der Medien, den Islam zunehmend als frauenfeindliche und menschenverachtende Religion darzustellen. Viel fataler ist jedoch die Wirkung der Muslime, die diese Sug­ges­ti­onen erfüllen.

Ich stelle beispielsweise fest, dass Frauen, die beschließen Hijab zu tragen, damit automatisch in den Radar der Religionspolizei fallen.

Jede Frau, die Hijab trägt, sollte selbst entscheiden dürfen, wie sie es macht, warum sie es macht und was sie sonst noch alles macht. Ob sie ein freizügiges Kopftuch trägt, sich schminkt oder ob sie Burka trägt, das alles ist Hijab und das ist etwas persönliches. Ob sie Hijab trägt, um ihre Reize zu wahren, um sich als Muslima identifizieren zu können, um den Islam zu präsentieren, um dazu zu gehören, um ihrem Mann zu gefallen, um zu rebellieren, um individuell zu sein, um angepasst zu sein. Was kümmert es einen anderen Menschen, was du trägst?

Wen kümmert es, ob ich Hijab trage und trotzdem dies oder jedes mache? Eine Muslima die keinen Hijab trägt darf alles tun und lassen und wird nicht beachtet. Eine Frau die Hijab trägt muss für alle Muslime und den Islam und sich für alles rechtfertigen, was sie tut.

Wie oft werde ich gefragt, warum Männer keinen Hijab tragen? Warum fragt ihr nicht die Männer? Meiner Meinung nach muss ein muslimischer Mann einen Bart tragen und sich nach den Kleidungsvorschriften für muslimische Männer richten. Tun sie es, werden sie als Terroristen betrachtet, finden keine Arbeit und werden bedroht.

Ich kenne Frauen, die Burka tragen. Wenn sie es wollen, sollen sie es tun. Keiner sollte dazu gezwungen werden es zu tragen. Weder hier, noch anderswo auf der Welt. Keinem sollte es verboten werden. Weder hier, noch anderswo.

Ich könnte mir gut vorstellen Burka zu tragen. Nicht oder niemals hier in Deutschland. Ich kenne Frauen, die auch hier Burka tragen. Auf der Straße bespuckt, beschimpft und bedroht wurden. Sich Zuhause einschließen und ihr Haus nicht mehr ohne ihren Mann verlassen wollen. Viele Männer wollen nicht, dass ihre Frauen Burka tragen, weil es auch für sie eine Bürde ist. Außerdem würden alle denken er zwingt sie dazu das zu tun. Es gibt auch Menschen, die das akzeptieren. Die normal behandelt werden beim Arzt oder beim Einkaufen in Metzingen. Aber es ist schwierig und es wäre einfacher in einem muslimischen Land, wo es normaler ist und einfacher. Wo man selten in eine unangenehme Situation käme mit einer Burka. Würde ich in einem warmen Land, wie Ägypten oder in Pakistan wohnen, wäre mit einem reichen Mann verheiratet und käme nur selten in direkten Kontakt mit fremden Menschen, würde ich es vorziehen Burka zu tragen. Es ist praktischer, bequemer, sicherer und angenehmer. Man sieht die anderen, aber die anderen sehen dich nicht. Das ist auch Macht oder zumindest Freiheit.

In einem muslimischen Land könnte ich, obwohl ich Burka trage, High Heels tragen, mich schminken, tanzen gehen und mit meinem Mann Händchen halten auf der Straße (küssen geht ja schlecht, genauso wie essen). Keiner würde über mich herziehen oder mich auf der Straße angaffen. Ich wäre egal – unsichtbar. Hier in Deutschland steht man sogar nur mit Kopftuch oft im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit.

Ich habe es ausprobiert, weil ich alles ausprobiere. Zu meinem Lebensstil hier in Deutschland passt es nicht. Hier fühlt es sich unangenehm an und stellt eine Barriere dar. Kommunikation und Offenheit ist hier sehr wichtig und hier kann man sein öffentliches Leben als Frau auch nicht auf Shoppen gehen begrenzen. Trotzdem werde ich mich immer dafür einsetzen, dass man es darf, wenn man möchte.

Ich weiß, dass die Frauen, denen man es verbieten wird, es nicht ablegen werden. Sie werden eher sich selbst einschränken. Ich weiß es, denn wenn Kopftuch tragen verboten werden würde, würde ich es auch nicht ablegen. Ich würde aufhören Juristin zu sein, wenn man das nicht als Juristin darf. Es ist verboten Lehrerin zu werden mit Hijab, deshalb legt auch keiner sein Kopftuch ab. Man macht etwas anderes und wird aus der Branche kategorisch ausgegrenzt. Würde man es überall verbieten, würde ich wohl in den Knast kommen damit.

Der Islam lässt überall Hintertüren. Hijab tragen ist nicht so wichtig, wie beten oder keine Unzucht begehen. In der Türkei war das Kopftuch viele Jahrzehnte in Schulen und Universitäten verboten. Es gab viele Frauen, die es abgenommen haben oder nur abnahmen, wenn sie das Gebäude betraten und es wieder anzogen, wenn sie nach Hause gingen. Das wäre eben nicht meine Art. Es ist eine persönliche Sache. Jeder hat eine individuelle Beziehung zu seinem Hijab.

Für mich ist es ein Zeichen dafür, dass ich noch stehe. Es ist wie die Uniform der Polizei. Kein Polizist hört auf Polizist zu sein, wenn er seine Uniform nicht an hat. Aber in zivil ist ein Polizist etwas anderes. Hijab ist nur noch viel individueller und viel persönlicher.

Vielen Menschen fehlt die Zeit oder Motivation, ihre Kenntnisse über den Islam zu erweitern, wohingegen eine Begegnung durch Mitmenschen und der allgegenwärtigen Medien nicht zu umgehen ist. Ich spüre aber, dass die Berührungsängste logischerweise weniger werden. Auf beiden Seiten. Ich sage auch gar nicht, jeder sollte informiert sein. Ich informiere mich auch nicht über alles, was es so gibt. Wenn ich sehe, was für eine miserable Koranübersetzung im Artikel von Zeitspiegel zitiert wird, merke ich auch, dass der gute Wille meist nicht ausreicht. Wo findet man seriöse Quellen über den Islam. Das ist Feinarbeit und tiergehendes Fachwissen wird erfordert, um feine Zusammenhänge zu verstehen. Viel zu viele verschiedenen Islamströhmungen finden sich in Deutschland und oft besteht untereinander viele Uneinigkeiten.

Ich sage nicht, werdet alle Islamgelehrte und Experten. Ich sage, benutzt euren gesunden Menschenverstand.

Ich verstehe es, wenn man die Burka als befremdlich empfindet, weil man das Gesicht der Person nicht sieht. Stimmt. Kann ich nachvollziehen. Dann seid ihr halt gegen die Burka. Da mache ich keinem Vorwürfe. Ich bin aber dafür, dass jeder frei entscheiden muss. In vielen Ländern, wo viel Burka getragen wird, scheint es ja auch zu funktionieren, auch wenn man das Gesicht nicht sieht. Stimmt, in manchen Ländern wird man auch dazu gezwungen es zu tragen.  Ich bin dagegen und würde das ändern wenn ich könnte.

Frei sein bedeutet eine Wahl haben können.

22 Kommentare

  1. Wie würde denn eine besser übersetzte Version der zitierten Stelle lauten? – Bzw: ändert die Übersetzung wirklich etwas am Inhalt? – Oder: Ist es nicht vielmehr eine theologische bzw Interpretationsfrage, ob Kleidervorschriften aus dem Mittleren Osten und dem 7.Jahrhundert 1400 Jahre später in einem anderen Kulturkreis heilsnotwendig sind? LG 🙂

    • Wenn man es googelt findet man sicher eine diverse Auswahl. Ich denke einfach, dass in seiner Übersetzung die Bedeutung der Repräsentation untergeht. Das „als Muslima erkannt werden“ kommt da gar nicht raus. Dabei ist gerade dieser Aspekt für 1400 Jahre später wichtig. Aber ich verstehe deinen Einwand. 😉

      Das „Kopftuch“ hat sich im Laufe der Jahre ja auch geändert und ändert sich weiterhin. 🙂

  2. Nehmen wir einmal an, dass der Islam nicht frauenfeindlich und menschenverachtend wäre, dass es ein Zeichen von Freiheit ist, wenn eine Frau eine Burka trägt, weil sie so etwas wie eine lebende Zumutung für alle Männer ist. Dass es ein Zeichen für ein positives Männerbild im Islam ist, dass man davon ausgeht. dass jeder Mann so eine Art reißende Bestie ist, die sofort jede Frau vergewaltigen würde, die nicht völlig verhüllt ist. Nehmen wir also an, dieses Weltbild wäre in keiner Weise menschenverachtend.
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    Du lebst in einem Land, in dem es Menschenrechte und Freiheiten gibt. In Afghanisten, Saudi-Arabien, Iran, dem gesamten Maghreb, den muslimischen Staaten in Afrika, den Golfstaaten …… gibt es keine Frauen- und Menschenrechte. In den meisten gibt es Diktaturen in verschiedenen Ausprägungen, es wird geköpft und gesteinigt, es gibt immer mehr Fälle in denen Frauen (= Besitztum ihrer Eltern, Ehemänner, Schwiegermütter …) mit Säure übergossen werden, weil sie nicht „folgsam“ waren, Vergewaltigungen, Ehrenmorde werden streckenweise toleriert usw usf. Können wir auch noch annehmen, dass es der blanke Zufall ist, dass praktisch alle diese Länder muslimisch sind ?
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    Ich finde es geradezu zynisch diesen vielen unterdrückten, gefolterten, in jeder Weise mißhandelten Menschen gegenüber so locker-flockig zu zwitschern ich hüpfe in die Burka wenn ich will und wenn ich nicht will und einmal etwas anderes tun möchte als shoppen, dann ziehe ich mich halt „nicht-muslimisch“ an, weil das ist ja meine Freiheit. Ja, im Westen ist das deine Freiheit, in den muslimischen Staaten, ich sage „muslimische Staaten“ um nicht „islamische Staaten“ zu sagen, ist es das nicht. Da gibt es Freiheiten nur für die Regierenden und das nur wenn sie Männer sind !
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    Was die letzten von Atatürks säkularen Bestimmungen betrifft, na keine Sorge, Erdogan arbeitet hart daran sie auch noch verschwinden zu lassen. Demnächst dürfen die Türkinnen nur noch mit Kopftuch studieren, was natürlich viel besser ist !
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    Nimm´s nicht persönlich, Merve, aber wenn man über so ein brisantes Thema schreibt, kommen natürlich auch einmal andere Meinungen

    • Bereits deinen ersten Satz finde ich äußerst problematisch: Nehmen wir einmal an, dass der Islam nicht frauenfeindlich und menschenverachtend wäre…“ „Der Islam“ an sich ist eine Religion und kann als solche wohl kaum -anders als Menschen- Ansichten haben, geschweige denn handeln. Eine Religion derart zu verurteien und damit sämliche Gläubige, die sich dieser Religion zugehörig derart zu verurteilen, halte ich daher für falsch. Klar basieren die meisten Religionen auf Offenbarugen, ggf. auf Religionsstiftern, aber was dann daraus gemacht wird, ist die Sache der Gläubigen. Und wie in jeder Religion gibt es auch im Islam solche und solche Gäubigen. Dass in den von dir genannten Ländern gerade die Menschen an der Macht sind, die eine Religion zu ihren Zwecken instrumentalisieren, ist natürlich extrem scheiße, um es mal klar zu sagen, und natürlich gilt es, daran zu arbeiten, dass dort Menschenrechte, die Frauenrechte meiner Auffassung nach mit einschließen (schließlich sind diese auch Menschen und sollten in einer idealen gleichberechtigten Gesellschaft (die Menschenrechte stellen alle Menschen gleich) keine besonderen Rechte benötigen), geachtet und durchgesetzt werden. Der große Unterschied zwischen dem, was Mervy schrieb und dem, was du meinst, ist, dass die Frauen Hijab dort nicht freiwillig tragen, sondern eben dazu gezwungen und bevormundet werden. Natürlich ist das brutal falsch, aber in Deutschland ist es eine Freiheit, und anstatt Hijab und Islamgläubige grundsätzlich zu verteufeln, sollte man lieber daran arbeiten, dass es in allen Ländern eine Freiheit ist!
      Im übrigen halte ich es für ein ziemlich naives Vorurteil, dass Religionen an allem Übel in der Welt schuld sind. Kriege, Diktaturen etc. werden von Menschen begangen, die u.U. eine Religion idealisieren und es ist umso schlimmer, wenn eine Religion missbraucht wird, da sie für viele Menschen, mich eingeschlossen, etwas sehr befreiendes hat. Aber Menschen schaffen es auch ohne Religion, einander zu unterdrücken und Gewalt anzutun. Man denke nur mal beispielsweise an kommunistische Regime, bei denen jeder, der irgendeiner Religion angehört, grundsätzlich verdächtig ist. Es sind Idealismus und Fundamentalismus, aus denen Gefahr erwächst, nicht Religion an sich.

    • Ich nehme das ganz und gar nicht persönlich. Ich finde deinen Kommentar sehr berechtigt. Wenn ich keine Muslima wäre würde ich das sicher ähnlich sehen und auch so stelle ich mir ähnliche Fragen. Darum kann ich dir auch keine Antworten auf deine Fragen geben. Ich kann es aber anders machen. Jedenfalls versuche ich es.

      Ich bin wirklich sehr froh in Deutschland sozialisiert zu sein. Würde ich in einem muslimischen Land leben würde ich den Islam wahrscheinlich hassen und rebellieren. Hier berührt mich das wenig. Wenn es so viel Krieg und Gewalt in diesen Ländern gibt denke ich aber auch oft „Geschieht euch recht!“.

      Hat das aber unbedingt was mit dem Islam zu tun oder nicht eher mit der Gegend? Wenn ich nach China oder Indien rüber schaue sehe ich nicht weniger Brutalität und Ungerechtigkeiten.

      Freiheit ist das höchste gut, was wir in unserem Land haben und das sollten wir schützen.

    • Werden in Saudiarabien Menschenrechte mit den Füßen getreten? Bestimmt.
      Ist die Burka, für uns im Westen, ein Symbol für die Unterdrückung der Frau? Auch ziemlich sicher. Ist sie das aber auch für jede betroffene Muslima? Zumindest eine widerspricht hier.
      Du sprichst Erdogan an.
      Ich kann mit ihm und seiner AKP nur wenig anfangen. Eine Sache fand ich jedoch, losgelöst von allem anderen, nicht falsch.
      Die Aufhebung des Kopftuchverbotes in den türkischen Unis war überfällig. Ich verurteile einen Zwang zur Verschleierung ebenso wie ein Verbot.
      Dennoch war die Aufhebung des Verbotes ein Symbol. So wie für dich die Burka ein Symbol der Frauenunterdrückung war, war das Kopftuchverbot ein Symbol der säkularen Türkei. Ich fände es fantastisch, wenn man Probleme anging, und nicht Symbole.

      • Ich kann dir sehr gzt folgen und unterstütze deine Meinung. Ich komme aus einem Erdogan-freundlichen Haushalt und dennoch finde ich die aktuelle Entwicklung der Türkei sehr befremdlich. Ich habe mich vor Jahren strickt von der saudiarabischen Politik dustanziert, wenn man das überhaupt Politik nennen kann. Die Türkei ist für mich schon lange dunkelorange und rückt für mich immer weiter in den roten Bereich. Ich bin vielleicht nicht „westlich“ und will es auch gar nicht versuchen zu sein, aber das westliche an mir ist, dass ich meobe eigenen freiheitlich-sozialen Werte, Prinzipien und Ideale habe, die unabhänging sind von etwas, das von oben kommt.

  3. Interessanter Blogeintrag. Zum Thema Burka habe ich auch verschiedene Ansichten. Natürlich sollte jede Frau tragen können, was sie will. Aber ich persönlich, auch als Muslima und Hijabträgerin, fühle mich mit Menschen die eine Burka tragen unwohl. Wenn ich nicht einmal die Augen einer Person sehen kann, dann empfinde ich überhaupt keine Sympathie für diese Person. Es ist normal, dass Menschen Angst vor dem haben, was sie nicht sehen. Und eine Burka ist für mich das Schwarze Nichts. Eventuell mit Augen. In der Türkei tragen einige „Carsaf“. Das sagt mir schon eher zu. Da kann ich wenigstens das Gesicht der Person erkennen. Was ich mich eher frage ist, wieso gibt es überhaupt eine Burka? Diese entstand erst ab dem 19./20 Jhrdt. Aus Überlieferungen über Aisha (r.a), die Ehefrau des Propehten ist bekannt, dass sie zwar ihr Mund ebenso bedeckte, dies aber nicht musste und es aus haya (Scham) tat. Es gibt genug Methoden eine Burka zu umgehen, dennoch sehr bedeckt und praktizierend zu sein.

    Und in einem Land wie Deutschland, wo die Medien diese Angst gegenüber Burkaträgerinnen nur schüren,(siehe: http://www.stern.de/panorama/19-jaehrige-aicha-von-mutter-aus-syrien-befreit-2154250.html?utm_source=facebook-fanpage&utm_medium=link&utm_campaign=201114-1730) verstehe ich vollkommen, dass eine Ablehnung dagegen vorliegt. Wir müssen uns besser kennenlernen. Verstehen. Verstehen ist das wichtigste, viel wichtiger als Toleranz. Ich muss etwas nicht tolerieren was mir nicht gefällt, wenn ich aber die Ansichten meines Gegenübers verstehe, dann kann ich über ihn urteilen und sie so akzeptieren wie sie ist.

    LG 🙂

    • Ich weiß nicht, ich kenne das anders mit der Frau unseres Propheten. Aber du hast Recht. Ich verstehe es auch, wenn man kritisch ist. Und die Burka ist auch sicher etwas „neues“ in der Form in der wir sie kennen. Selbst der Islam ist eben im Wandel. Danke für deinen Kommentar. 🙂

  4. Hi Merve,

    Du spricht da ein extrem schwieriges Thema an!

    Ich bin mir mit dir einig, dass jeder Mensch sich kleiden darf, wie er/sie das für richtig hält. Leider wird dabei mit sehr unterschiedlichem Maß gemessen, und es werden auch nicht immer alle Rahmenbedingungen berücksichtigt.

    Wenn ein Mensch der Ansicht ist, an einem warmen Sommertag nackt durch den Park laufen zu wollen, so wird er/sie ebenso wenig Toleranz erfahren, wie eine Burka-Trägerin. Wenn nur die freie Entscheidung des einzelnen zählt, warum ist das dann so?

    Das Beachten irgendwelcher Kleidungsvorschriften ist doch in den meisten Fällen eben KEINE persönliche Entscheidung, sondern eine Ergebnis irgendeines Gesellschaftlichen Drucks. Das gilt im übrigen genauso für die Anzugträger im Topmanagement einer Bank.

    Auffällig finde ich auch, dass sich Vorschriften zur Verhüllung des Körpers nahezu ausschließlich an Frauen richten. Männer sind weltweit von solchen Vorschriften weitgehend ausgeschlossen.

    Das alles zeigt mir, dass es bei dem Thema eben nicht nur um Toleranz und freie Entscheidung geht, sondern auch um Macht und Unterdrückungsmechanismen.

    ~hataibu

    • Du wirst lachen aber ich habe kein problem damit dass menschen nackt herumlaufen in der öffentlichkeit wenn sie das wollen..hat was mit meinem freiheitsdenken zu tun

    • Macht und Unterdrückung haben wohl oft etwas mit dem Islam und muslimischen Männern zu tun. Ich bin aber überzeugt, dass es meiner Religion nicht innewohnt die Frau zu entwerten. Unser Prophet war zu seiner Zeit sehr feministisch eingestellt im Gegensatz zu seiner Umgebung. Deshalb versuche ich es, mir meine Religion als Frau zurück zu holen. Das Kopftuch ist ein Teil davon und hebt uns als Frauen hervor. Es hat sich aber natürlich vieles verändert im laufe der Jahre und deshalb muss auch der Islam sich entwickeln oder die Muslime.

      Ich hoffe, dass wir Frauen da einen Weg für uns finden. Einen neuen Platz in der muslimischen Gesellschaft.

      Schau mal hier zum muslimischen Feminismus: http://de.wikipedia.org/wiki/Islamischer_Feminismus

  5. „Man sieht die anderen, aber die anderen sehen dich nicht. “

    Eben das ist das Unangenehme an der Burka – für uns „Andere“

    • Das stimmt auch. In muslimischen Ländern ist das wohl gewöhnlicher. Hier nicht.

      Darum denke ich auch, dass die Burka nicht zu Deutschland passt. Ich würde es deshalb aber nicht verbieten wollen.

      • Die Burka geht m.e. einen wesentlichen Schritt weiter, wie alle anderen Arten der Verschleierung.
        Wird die Frau gezwungen sie zu tragen, ist es eine massive Unterdrückung mit der Aussage: „Du darfst dich nicht mit der Gesellschaft da draußen einlassen. Ich verbiete dir, dich mit anderen Menschen, als denen deines Familienkreises in Kontakt zu treten“.
        Trägt eine Frau sie freiwillig, so ist sie eine extreme Abkehr von der Gesellschaft mit der Aussage: „Ich will mit der Gesellschaft da draußen nichts zu tun haben. Lasst mich alle in Ruhe“. Vielleicht mit dem Zusatz „Ich habe sehr große Angst vor fremden Menschen“.
        Das erste Szenario halte ich für einen massiven Verstoß gegen grundlegende Menschenrechte.
        Der zweite Fall sieht nach einer psychischen Störung aus, die dringender Behandlung bedarf.

        • Auch ich als Muslima, verstehe überhaupt nicht, wer freiwillig so eine Isolation eingeht. Beraubt es nicht irgendwo auch meine Freiheit, nicht zu wissen, wer oder was vor mit steht? Sofern ich dies nicht weiß, möchte ich in keinster Weise mit dieser Person in persönlichen Kontakt treten. Wenn ich mein Gesicht dieser Person preisgebe, verlange ich dasselbe auch von ihr. Man sollte mindestens die Augen des Gegenübers sehen können.

      • Liebe Mervy
        verstehe ich Dich richtig:
        Du würdest jederzeit eine Tochter muslimischer Eltern, die kein Kopftuch tragen möchte, gegen die Meinung dieser Eltern unterstützen, weil dies Deinem Freiheitsbegriff entspricht, obwohl Du selber der Ansicht bist, dass das Tragen eines Kopftuches eigentlich eine muslimische Pflicht wäre?
        Die Annahme der deutschen Schulen und Ämter waren ja teilweise, dass es Menschen mit diesen Überzeugungen nicht geben kann. Muss es aber, denke ich, und im positiven Sinne aggressiv tolerante Menschen wie Du sind die besten Vertreterinnen, die allgemeine Gleichgültigkeit gegenüber dem Kopftuch zu befördern. Dennoch stimme ich mit einigen der anderen Kommentare, insbes. Rosenblüte, überein: Eine Bewertung der Bekleidung allein unter dem Aspekt der persönlichen Freiheit greift zu kurz. (Zur Burka: Da bin ich aus völlig anderen Gründen als Du gegen ein generelles Verbot.)

        LG
        PS: Ich bitte Dich 1 Million mal um Verzeihung wg. einer erneuten Kopftuchbemerkung. Ich finde das Kopftuch so unwichtig wie nur irgendetwas – aber es wird ja nun mal leider zum Austragungsort eines symbolischen Kampfes, in dem verschiedene Werte gegeneinander in Stellung gebracht werden, oft eben nur, um die jeweils eigene Stellung in diesem symbolischen Kampf zu verstärken.
        Der Schulstreit hat es ja sogar in den Menschenbericht der USA gebracht 🙂
        PPS: Ich interpretiere den Koran anders als Du.

        • Natürlich würde ich das. Der Freie Wille ist das höchste Gut des Menschen.

          Und selbstverständlich hast du eine andere Ansicht als ich. Ich bitte darum.

  6. Ich stimme zu, ein schwieriges Thema.

    Deine Gedanken dazu finde ich spannend, ebenso wie die einer lieben konvertierten Freundin, die lange Zeit mit Hijab nichts anfangen konnte und nun seit einigen Jahren ein Kopftuch trägt. Durch Gespräche mit ihr und verschiedene Blogartikel (wie die deinen ;-)) habe ich verschiedene SIchtweisen zu dem Thema islamische Kleidervorschriften kennen gelernt und finde das sehr interessant und lehrreich. Es werden Gründe angeführt, die in der oftmals pauschalen medialen Berichterstattung außen vor gelassen werden. Testweise war ich dann selbst ein Mal mit Kopftuch unterwegs, um zu schauen, welche Gefühle ich dabei habe. Es war anders als gedacht, ich konnte einige Gründe, die meine Freundin angeführt hat, nun besser nachvollziehen.

    Ich bin auch absolut für Wahlfreiheit, muss aber dazu sagen, dass ich mir eine Lehrerin/Ärztin etc. mit Burka für mich persönlich nicht vorstellen kann. Gerade wenn es um, persönlichere Anliegen geht (Frage zu einem komplexen Prüfungsthema, Krankheit mit starken Schmerzen z.B). möchte ich Mimik und Gestik meines Gegenübers erkennen können, ohne so eine große Barriere zwischen der anderen Person und mir.

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