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Stimmungsmache

Erdogan scheint den osmanischen Glanz noch mal aufleben lassen zu wollen – ein Erbe der Türkei. In dem Mann steckt wohl doch noch ein kleiner Junge mit großen Träumen. Meiner Ansicht nach etwas kindisch, aber harmloser als gemeinhin angenommen.

Was die deutschen Medien wohl noch nicht herausgefunden haben ist, dass in den türkischen Medien gegen Deutschland Stimmung gemacht wird. Ungefähr so, wie in der Welt gegen den Islam Stimmung gemacht wird.

„Deutschland wird wieder nationalsozialistisch“

„Pegida überrollt Deutschland“

„In Deutschland steigt die Zahl islamfeidlicher Extremisten an“

Ist natürlich einfach, Deutsche pauschal als Nazis zu betrachten – oder?

Das kenne ich schon: Es ist nämlich genauso leicht, Muslime als Gefahr für das Abendland zu betrachten!

Warum ist das leicht? Warum kam kein Moslem auf die Idee, gegen ein islamfeindliches Satiremagazin mit einem kritischen muslimischen Satiremagazin zu antworten?

Das Attentat hat viele erschüttert. Das waren keine richtigen Muslime, wird gesagt. Ja, ich denke auch, dass es keine richtigen Muslime waren. Aber ist es nicht schlimm genug, dass man solchen Leuten nicht den Wind aus den Segeln nehmen kann und dass es Menschen gibt, die den Islam wirklich als Gefahr betrachten, weil wir den Islam nicht beschützen konnten?

Warum kann ich den Islam nicht beschützen?

Warum kann ich Deutschland nicht davor beschützen, als ein faschistischer Staat gesehen zu werden?

Ich liebe dieses Land. Es hat so viele Facetten, so viele wertvolle Errungenschaften und Menschen. Ich liebe es, dass in Deutschland jeder seine Meinung sagen darf, dass es eine Satirepartei gibt, dass Menschen für andere aufstehen, auch wenn sie selbst nicht betroffen sind.

Dieses Land ist kein faschistischer Staat, auch wenn ich selber unter Rassismus leide, unter Islamfeindlichkeit, unter Entmündigung und unter Entrechtlichung vom Staat und unter Pegida. Auch wenn ich verstehe, warum es so leicht ist, Deutschland als das Nazideutschland zu sehen – ich liebe dieses Land.

Und ich liebe den Islam. Ich liebe unsern Propheten, der der liebenswerteste und rechtschaffenste Mensch war, auch wenn so viele Menschen ihn als gewaltbereiten, pädophilen Lüstling sehen wollen. Mir wurde erzählt, dass Allah als erstes seine Seele schuf und sie so rein und so wundervoll war, dass er für ihn die Welt und das Universum schuf und die Zeit und das Leben und alles darin. Ich liebe die Erzählungen im Koran, über Menschlichkeit, über Allahs Herrlichkeit und über die Propheten und die Engel und das Sein. Und in zwei Zeilen wird dieses Buch als Anleitung dargestellt, Ungläubige auszurotten. Ich liebe es, wenn mich eine fremde Muslima auf der Straße als ebensolche erkennt und mit dem Friedensgruß anlächelt: Assalamu Alleikum, Ukhti!

Friede sei mir dir, Schwester!

Frieden wünsche ich mir auch. Ich habe Angst vor Gewalt und vor Krieg. Ich habe Angst vor einem Moslem getötet zu werden, weil ich nicht konform genug bin. Und ich habe noch mehr Angst davor, von einem „besorgten Bürger“ getötet zu werden, aus fremdenfeindlicher oder islamfeindlicher Motivation. Vielleicht ist diese Angst irrational, aber sie ist da. Genauso, wie die Angst vor einer Islamisierung, die eben auch einfach da ist. Und ich kann es verstehen. Ich kann verstehen, warum es leicht ist, den Islam als das Böse zu betrachten und ich weiß nicht, wie ich den Islam davor beschützen kann.

Ich bin weder bereit Deutschland zu verlassen, selbst wenn alle Muslime auswandern würden. Noch bin ich bereit den Islam aufzugeben, selbst wenn sich irgendwann keiner mehr offen zum Islam bekennen würde.

Ich bin ich und Deutschland oder auch der Islam müssen sich selbst beschützen. Aber vielleicht haben sie es gar nicht nötig sich zu beschützen, denn es beeinflusst das, was ich an ihnen liebe überhaupt nicht, wenn andere Menschen das nicht sehen können.

Die Angst wird wahrscheinlich bleiben, aber wenigstens habe ich Dinge, für die es sich lohnt, standhaft zu sein.

Mervy Kay

 

PS: Wer Türkisch versteht und wissen will, was dort meinungstechnisch abläuft, kann in das folgende Internetforum reinschauen: ekşi sözlük

19 Kommentare

  1. Du hast meine Gedanken gut in Worte gefasst, wie oft denke ich darüber nach die letzten Wochen. Wie oft finden solche Gespräche statt. Abgesehen von Erdogan seinem Diskurs. Von seiner Politik möchte ich ganz absehen.
    Aber ich denke oft an dich und an viele viele andere auch. Die noch mehr, täglich betroffen sind und erinnert werden, :“du bist anders“. und zum medialen Feinbild irgendwie gedrängt werden sollen. Wobei auch da klaffende Parteien auseinander gehen. Aber dennoch eine extreme Kultur sich entwickelt, die so nicht richtig ist. 🙁

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    • Wir werden alle irgendwann sterben. Ich hoffe wir können Deutschland und auch dem Islam bessere Kinder hinterlassen, die etwas besseres daraus machen können..ich habe das Gefühl, dass unsere Generation gescheitert ist.

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      • Denk immer an meine Worte. Du hast viel zu tun. Vergiss das nie canim. Und es ist niemand gescheitert. Täglich siehst du das Gegenteil. Du musst nur genau schauen. In allem Chaos was derzeit zu sein scheint.

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  2. Herzlichen Dank für deine offenen Worte! Sie machen deinen Zwiespalt deutlich. So gut, dass ich deinen Schmerz mitempfinden kann.

    Manchmal habe ich auch nicht übel Lust, die eigene Religion zu verteidigen. Und denke dann auch wieder, das wird GOTT schon selbst machen. Dass etwas von IHM weiterlebt in der Welt, da bin ich sicher, in welcher Form, das weiß nur ER.

    „In jedem Volk, wer IHN fürchtet und recht tut, der ist IHM angenehm.“ So heißt es in der Bibel (Apostelgeschichte 10, 35). Das ist sozusagen christliches Abendland. Seine Tradition,. Das vergessen leider viele.

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  3. Schöne Stellungnahme, und ich kann es absolut nachvollziehen. Ich mache zwar auch Fehler (wer nicht?), aber glücklicherweise ist mein erster Gedanke, wenn ich an einer Moschee vorbeifahre oder eine Muslima sehe (mit Kopftuch, sonst erkennt man das meistens ja gar nicht) nicht: „Jetzt laufen hier ja nur noch Ausländer rum“ (was anscheinend Anhänger einer gewissen Organisation sofort denken). Ich finde es sehr gut, neue Kulturen kennenzulernen, und die heimischen Religionen leiden m.M.n. nicht unter dem Islam. Wir waren in der siebten Klasse mit der Schule mal zu Gast in einer Moschee, und ich fand es super! Ich mache keinen Unterschied zwischen den Religionen/Kulturen. Wenn jemand nett zu mir ist, bin ich nett zu ihm. Wenn er mir blöd kommt, mag ich ihn nicht. Egal, ob er dunkelhäutig, weiß, Moslem, Christ, Buddhist, schwul, lesbisch, kleinwüchsig oder sonstwas ist. Andere mögen das naiv finden, aber ich bin damit bis jetzt sehr gut zurechtgekommen.

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  4. Selamun aleykum Mervy kay 🙂
    Ich stimme dir in sehr vielen Punkten zu, doch ich bin über eine Stelle geholpert, vielleicht habe ich sie aber auch nicht ganz verstanden. Was genau meinst du mit den folgenden Sätzen?

    „Genauso, wie die Angst vor einer Islamisierung, die eben auch einfach da ist. Und
    ich kann es verstehen. Ich kann verstehen, warum es leicht ist, den Islam als das Böse zu betrachten und ich weiß nicht, wie ich den Islam davor beschützen kann.“

    Bitte nicht falsch verstehen, bräuchte hier nur eine kurze Erläuterung 🙂

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    • Ich vergleiche in diesem Abschnitt meine Ängste mit den Ängsten von fremden Menschen.

      Viele Menschen haben Angst vor einer Islamisierung. Das ist eine irrationale Angst, aber was macht das für einen unterschied. Sie ist da. Irrationale Ängste haben rational ganze Völker zerstört. Irrationale Ängste bringen Menschen dazu irrational zu handeln, was trotzdem rationale Folgen mit sich trägt.

      Ich meine eben auch, dass es leicht ist, den Islam negativ zu betrachten, wenn man das will. Nicht nur die Medien sind daran schuld, sondern auch viele Muslime selbst.

      Jedenfalls wird der Islam auch das überleben.

      Einigermaßen verstanden?

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  5. Liebe Merve,

    Wieder mal: Vielen Dank für deinen wunderbaren Beitrag! Du sprichst mir aus der Seele, sowohl was Deutschland als auch was deine Religion angeht.

    Manchmal verzweifelt man auch an seiner eigenen Kultur: Ich bin zwar kein Christ im eigentlichen Sinne, aber ich sehe mich dennoch in der christlichen Tradition. Daher bin ich mal wieder entsetzt darüber, dass einer der hohen Vertreter dieser Religion, der Papst, Menschen in einem ohnehin überbevölkerten Land (Philippinen) erklärt, es wäre eine Sünde Verhütungsmittel zu verwenden. Letztendlich tötet er damit (indirekt) mehr Menschen, als alle moslemischen Attentäter zusammen.

    Auch ich habe Angst. Vor rechter Hasskultur a la Pegida, Vor islamischer Hasskultur a la Salafisten, Vor linker Hasskultur a la Autonome, Vor christlicher Hasskultur a la Abtreibungsgegner in den USA. Vor Hasskultur allgemein eben.

    Aber ich habe auch Hoffnung. Es gibt zum Glück auf der ganzen Welt Menschen, die sich nicht dem Hass und der Ablehnung hingeben, sondern für ein friedvolles Miteinander eintreten.
    Friede, Liebe, Toleranz und Vertrauen ist was wir brauchen, um diese schweren Zeiten zu überstehen.

    ~hataibu~

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    • Schön, Merve, dass Du eine so großartige deutsche Patriotin bist. Von Deiner Art gibt‘s deutlich zu wenige.
      Schön, Merve, dass Du so eine großartige Botschafterin für den Islam bist. Für einen Islam, der prima in dieses Land hineinpasst. Solche Botschafterinnen, wie Du eine bist, prägen das Bild des Islam in Deutschland viel zu wenig.
      Wir freuen uns immer, wenn Du Deine Stimme erhebst.

      Erdogan wird abgewählt und mittelfristig wird die AKP zu einer Art CDU, nur mit I statt C. Ist die türkische Presse an sich deutschfeindlich? Wie frei ist die Presse dort? Trifft sie den türkischen Nerv? Ich hatte bisher den Eindruck, die Türkei sei deutschfreundlich 

      Zwei Zeilen machen mich betroffen:
      „Ich bin ich und Deutschland oder auch der Islam müssen sich selbst beschützen.“
      Ich weiß nicht, ob ich Dir das abnehmen kann. Deutschland ist eine Abstraktion. Wenn wir das nicht schützen, jeder mit seinem kleinen Beitrag, gewinnen die Falschen. Und wie sollte Gott wirken, wenn nicht durch Menschen? Die Feuer und Schwefel Regen Zeiten sind vorbei. Wenn Dein Gott nicht mehr durch Dich wirkt, dann, so denke ich, ist er nicht mehr da oder hat Dich verlassen.
      „.ich habe das Gefühl, dass unsere Generation gescheitert ist.“
      Was willst Du damit sagen? Diese Generation ist zu jung, um gescheitert zu sein. Vielleicht sind Deine Maßstäbe zu hoch? Manchmal denke ich, ein durchwursteln ohne große Kriege, hier und da ein besseres Verständnis füreinander ist schon viel. Paradies kommt später. Verantwortung haben wir für unser eigenes Tun, nicht für das einer Generation, meine ich. Das klingt sehr resigniert bei Dir.

      Angst habe ich nicht. Und auch Du sagst, dass Deine Angst irrational ist. Ich freue mich, dass Du weder unsere Heimat verlassen noch Deinen Glauben aufgeben wirst. Mach Dir keine Sorgen: Es werden hier immer genügend sein, mit denen wir reden, feiern, erschaffen, kämpfen können. Da bin ich mir ganz sicher.

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  6. Der Mythos das Allah ta ala Muhammed s.a.s als erstes erschaffen und dann für ihn die ganze Welt erschaffen habe,geht auf das Barnabasevangelium zurück und hat im Islam keine Grundlage.

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  7. “ Auch wenn ich verstehe, warum es so leicht ist, Deutschland als das Nazideutschland zu sehen – ich liebe dieses Land.“
    Man erinnert das faschistische III Reich, das ist leicht und es geschied diesem Land oft.
    Alle drei Religionen Abrahams haben einen Entstehungsort. Kommt man aber in ein fremdes Land, dann ist die eigene Verhaltenheit der Schmuck.
    So hat orientalisch eine zauberhaften Ruf..
    Islamisierung bedeutet doch nichts wichtiges, nichts davon, das Einwanderer ihren Glauben pflegen und schützen.
    Wenn religiöse Organisationen nach Macht und Einfluß im fremden Land greifen, im Lichte der Anzahl der Mitglieder um Anerkennung und Privilegien ringen, religiöse Prunk- und Prestigebauten errichten, in den Unterricht von Schulen eingreifen,
    dann kommt es auf das religiöse Gepäck an, auf die Theologie, die diese Organisationen mitführen.
    Besteht das Gepäck aus Dogmen, die gegen die heimatverbunden Bewohner des fremden Landes sprechen,
    sodas die einen Kinder die Kinder der Fremden heute nicht einladen können, später nicht heiraten dürfen,
    dann geht es garnicht um Einwanderung.
    Ein Absolutheitsanspruch einer expandierenden, itolleranten religiösen Lehren macht völlig unfähig, einzuwandern.
    Nur wenn Christen, Juden und Muslime ihre Lehre von der Herabsetzung der fremden Religion des Landes, in das sie gehen,
    nicht abgeworfen haben, machen sie sich lächerlich.

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  8. Hallo liebe Merve,
    Schöne Stellungnahme zu einem wichtigen Thema!!
    Ich kann mich als christliche Nichtmuslima in einiges was du berichtest gut hinein fühlen!!! 🙂

    Bin aber über einen Satz gestolpert:
    „Und in zwei Zeilen wird dieses Buch (Koran) als Anleitung dargestellt, Ungläubige aus zu rotten.
    Wie soll ich, dass genau verstehen??? 😣
    Ansonsten gefällt mir dein Blog sehr gut!! 😊

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