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#TagdesEhrenamts und die Institutionalisierung des Islams

Was ich mit dem Tag des Ehrenamts verbinde sind leider keine Rettungssanitäter und in Schulen vorlesende Omas. Ich verbinde diesen Tag mit dem Islam. Und das nicht im positiven Sinn.

Fast alle Moscheen, die ich kenne, fast alle muslimischen Vereine und Organisationen stehen allein durch Ehrenamt auf den Beinen und werden ausschließlich von ihren Mitgliedern und Spenden finanziert: Muslimische Seelsorger in Gefängnissen, die Räumlichkeiten von Moscheen – vom Imam bis zum Klopapier – und sogar so große und erfolgreiche Organisationen, wie der Dachverband muslimischer Hochschulgruppen, RAMSA.

Es ist ein gutes Zeichen und schön, wenn Menschen ihr Geld und ihre Zeit freiwillig hergeben und etwas Gutes damit machen. Aber Gutes sollte nicht abhängig davon sein, wie viele Menschen freiwillig ihr für den Urlaub gespartes Geld hergeben und ihre Freizeit, die sie von ihrem Hobby abziehen.

Kann etwas überhaupt wirklich professionell ablaufen, wenn man keinen Cent dafür bekommt? Es gibt immer ein paar Leute, die sich mit Leidenschaft in ihr Ehrenamt hängen, aber meistens gibt man doch nur gerade das, was reinpasst, wenn man nicht verpflichtet ist oder?

Es gibt aber ganz andere Gründe, warum der Islam in Deutschland vom Ehrenamt befreit werden muss. Befeit stimmt eigentlich nicht. Es muss immer Ehrenamtliche geben. Ich will damit sagen, dass der Islam in Deutschland institutionalisiert werden muss und den Status einer Körperschaft im Sinne einer anerkannten Religionsgemeinschaft erreichen muss. Wenn es Kirchensteuer gibt, muss es auch Kirchensteuer für die „muslimische Kirche“ geben.

Das ist nicht nur wichtig, damit Koranschullehrerinnen ein bisschen mehr Taschengeld haben und Moscheen sich einen extra Gebetswaschungsraum einrichten können. Das ist vor allem wichtig, damit der Islam in Deutschland aufhört eine Spielwiese zu sein. Jeder macht, was er will und alle hetzen gegen alle. Niemand weiß, wer eigentlich wohin gehört. Alle werden in einen Topf geworfen und jeder wird verdächtigt eigentlich Terrorist zu sein.

Natürlich wäre eine Reform ein bürokratischer Aufwand. Aber bei der Anzahl an Muslimen, die es in Deutschland gibt, muss das einfach in Angriff genommen werden.

Der deutsche Staat beschwert sich ständig, dass muslimische Vereine und Moscheegemeinschaften von der türkischen Regierung oder vom Saudischen Königshaus unterstützt werden und dass andere Staaten keinen Einfluss nehmen sollen auf Bevölkerungsgruppen in Deutschland. Aber wenn Deutschland nicht will, dass deutsche Bürger immer noch von ihren ethnischen Herkunftsländern beeinflusst werden, dann muss Deutschland sich eben darum kümmern, dass diese Leute kein Geld mehr von anderen Staaten annehmen müssen.

Die Religionsausübung ist ein Grundbedürfnis. Und in Deutschland gibt es nun mal keine Geschichte mit einer reichen, mächtigen muslimischen Kirche. Wir sind nicht neu hier, aber wir werden erst wirklich hier hergehören, wenn wir auch rechtlich ein Teil von Deutschland werden. Der Islam gehört nicht zu Deutschland? Stimmt. Aber nicht, weil Muslime sich nicht integrieren, sondern weil der Islam weggeschoben wird. Ich höre so oft „Muslime sind ein Teil von Deutschland, aber der Islam nicht!“ – wie soll das gehen? Der Islam ist ein Teil von uns! Und so lange das Zahnrad Islam nicht mit Werkzeug und Schaufel angepackt wird und in das große Räderwerk Deutschland eingesetzt wird, wird es auch Probleme mit der muslimischen Bevölkerung hier geben. Und mit einsetzen meine ich nicht zur Deko unten rechts irgendwo reinschrauben, sondern so integrieren, dass es mit ein Teil davon wird, dass die Uhr sich dreht.

Deutschland muss jetzt damit anfangen mit den Muslimen hier eine effektive und konstruktive, transparente gemeinsame Plattform zu bilden. Alle Themen müssen Platz finden: Seelsorge, Moscheen, islamischer Unterricht, usw. – Und bitte nicht nach dem Vorbild der Deutschen Islamkonferenz. Sondern so, dass wirklich alle mit ins Boot geholt werden und sich auch wirklich etwas verändert: Eine demokratisch strukturierte, staatlich anerkannte Körperschaft.

Die Fülle der vielen muslimischen Organisationen ist ein großes Problem. Sobald man sie in Strukturen einbettet und bürokratisch, wie finanziell in ein System eingliedert, kann nicht mehr jeder machen was er will. Es würde endlich Standards geben und einen bundesweiten Konsens. Das wäre auch eine super Methode, um fanatische Strukturen schneller zu enttarnen und aufzubrechen und würden ein stärkeres Gemeinschafts- und Verantwortungsgefühl der deutschen Muslime schaffen.

Die Strukturen, die bisher existieren sind oft aus der Not heraus und mit geringsten Mitteln entstanden und haben sich unkoordiniert und sehr unterschiedlich entwickelt.  Von vielen Seiten werden die Muslime kritisiert, es würden repräsentative muslimische Stimmen und Ansprechpartner fehlen. Eine funktionierende Verwaltung und kompetente Institution muss her, die nicht Glaubensinhalte diskutiert, sondern Rahmenbedingungen und allgemeine, grundlegende Interessen.

Und wie soll das gehen? Man kann dort anfangen, wo der Staat ohnehin schon am meisten Mitspracherecht hat. Bei grundlegenden Problemen, wie der islamischen Bestattung zum Beispiel. Und wenn man dort gut vorankommt, kann man sich darauf aufbauend Stück für Stück weiterarbeiten, bis es zur Normalität wird. Eine Reform nach der anderen. Das wird super, ich sag’s euch und ich frage mich, warum das bis heute nicht gemacht wurde.

Alle reden über Integration, niemand redet über Legitimation.

Hoffnungsvoll
Eure Merve

P.S.: Es wäre übrigens schon mal ein guter Anfang, wenn nicht erwartet wird, dass jemand kommt und dieses Problem ehrenamtlich anpackt.

3 Kommentare

  1. Soweit mir bekannt, gibt es klare gesetzliche Vorgaben für die Anerkennung als Religionsgemeinschaft. Selbst wenn einzelne Sachbearbeiter einen Antrag mit fadenscheiniger Begründung ablehnen, steht der Rechtsweg offen.

    Was also sind die (tatsächlichen?) Gründe, weshalb der Islam noch nicht institutionelle Anerkennung finden konnte? An den deutschen Gesetzen kann es nicht liegen. An misliebigen Entscheidungsträgern in Behörden und Gerichten auch nicht.

    Es gibt ein Sprichwort, das ‚dem Islam‘ in Deutschland vielleicht weiterhelfen könnte: Einigkeit macht stark! – Soll heißen: ‚der Islam‘ in Deutschland muss für sich ZUERST eine gemeinsame Basis finden und DANN einen Antrag stellen. Nicht darauf vertrauen, dass durch die Anerkennung – von wem genau dann? – ein Fundament geschaffen würde.

    Passend dazu und zum Schluss ein anderes Sprichwort: Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott. 😉

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  2. ( Man kann sicherlich die Strukturen, die eine Anerkennung vorausgehen, von der evangelischen Kirche kopieren.
    An den Universitäten sind schon gute Schritte gemacht.
    Allerdings bekommen die christlichen Kirchen in Deutschland über die Kirchensteuer hinaus enorme finanzielle Hilfen vom Staat, aufgrund von alten Verträgen, Entschädigungen für Enteignungen aus den vorigen Jahrhunderten.)

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  3. Eben. Wenn ich lese, dass Kirchen in Deutschland (zumindest in Hamburg) für die Grundstücke ihrer Gebäude nichts bezahlen! Und dann denke ich an die vielen Moschee-Gemeinden, die sich für die Miete krummlegen, so dass kein Geld mehr für anständig bezahltes Personal übrig ist. Seelsorge, Jugendarbeit, Kindergruppen …

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