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Wir kommen! Ein Wundermittel gegen Angst und Hass.

An einem normalen Tag hätte ich einfach weggehört, wenn jemand mich als Bombenlegerin bezeichnen würde. Ich hätte das ignoriert. Verdrängt.

Gerade in öffentlichen Verkehrsmitteln werde ich so oft von fremden Menschen angepöbelt, da kann man eben nicht jedes mal drauf eingehen. Kämpfen. Alleine kämpfen. Denn so sieht es meistens aus. Wenn man sich wehrt, provoziert man den Pöbler und alle anderen Menschen sitzen da und schauen aus dem Fenster raus oder noch schlimmer: Glotzen!

Der Ort des Geschehens.

Der Ort des Geschehens.

Und im echten Leben, gibt es auch keine „Blockier“-Funktion, falls es einem so ganz alleine mit einem unbeirrbaren Islamhasser dann doch zu viel wird.

Gestern war aber alles anders als sonst. Ich stieg um 8 Uhr herum aus der S6 an der Haltestelle Schwabstraße in Stuttgart aus, um in meine nächste Bahn zur Uni umzusteigen. Wegen einer Streckensperrung in Feuerbach war ich sowieso schon verspätet.

Dann die Durchsage: Nochmal 15 min. Verspätung.

Dann diese Frau: „Bombenlegerin.“.

„Weghören!“, dachte ich erst und einen Moment später: „Nein, nicht heute!“ und schon waren die Worte aus meinem Mund: „Entschuldigung, sprechen Sie mit mir?“

Ich habe es sofort bereut. Die Frau hat meine Frage nämlich natürlich zum Anlass genommen zu glauben, ich würde gerne den Sündenbock für sie spielen.

Sie hat angefangen mir zu erklären, dass ich sehr wohl gemeint sei. Wer solle sonst gemeint sein. Ich wäre doch die Einzige dort, die ein Kopftuch trägt. Sie hat mich aufgefordert mein Kopftuch abzulegen. Sie hat mich gefragt, warum ich hier hergekommen bin. Warum wir alle hier herkämen. Mir unterstellt ich würde Deutschland zerstören wollen. Das wären meine Leute gewesen in Berlin. Wir würden Deutschland kaputt machen. 90 % der Muslime würden von Hartz IV leben. Die Deutschen würden die Muslime durchfüttern, nicht Allah. Sie wollte von mir wissen, wo mein Allah sei. Warum er mir nicht Hartz IV gibt. Und so weiter.

Mir tut das weh. Auch wenn ich so eine Person niemals ernst nehmen würde, taten mir ihre Worte sehr weh. Es tut weh, weil ich weiß, dass sehr, sehr viele Menschen so denken. Deutschland ist meine Heimat. Die Leute werden nie verstehen, dass ich keine andere Heimat habe. So lange ich dieses Kopftuch trage, bin ich eine Terroristenunterstützerin für sie. Mehr bin ich in den Augen solcher Menschen nicht.

Jedes Mal wenn irgendetwas schlimmes passiert, dass auch nur annäherd etwas mit dem Islam zu tun hat, müssen wir muslimischen Frauen den Kopf dafür hinhalten. Unser Kopftuch ist für sie ein offenes islamisches Glaubensbekenntnis oder vielleicht sogar eine Kriegserklärung. Auf jeden Fall macht es uns immer wieder zur Zielscheibe für Hass und noch öfter für Ausgrenzung.

Aber diesmal ist etwas unglaubliches passiert: Ich war nicht allein! Es ist etwas Unglaubliches passiert! Es haben sich wirklich Menschen eingemischt. Nicht eine Person, sondern alle. Alle Leute, die dort standen haben sich eingemischt. Soweit ich gesehen habe standen und saßen da sieben Menschen unmittelbar um uns herum und jeder von ihnen ist aktiv geworden.

Ich glaube nicht, dass diese Leute etwas miteinander zu tun hatten. Ich glaube, dass sie alle einfach auf die Bahn gewartet haben. Aber sie hatten alle eine Gemeinsamkeit, die sie verbunden hat. Jeder einzelne von ihnen hatte wahrscheinlich die Nase voll davon, das Feld solchen Leuten, wie dieser Frau zu überlassen. Sie sagten der Frau, sie könne jetzt doch nicht mich beschimpfen und verantwortlich machen für das alles. Sie verteidigten mich. Völlig fremde Menschen standen für mich ein!

Ein junger Mann, der vorher Kopfhörer an hatte, hat die sogar abgenommen, um zu verstehen was da gerade passiert. Er wirkte zuerst so, als wäre er genauso verwirrt, wie ich. Währenddessen versuchte die Frau, die anderen auf ihre Seite zu ziehen mit Argumenten wie „Aber die Muslime wollen uns doch alle töten!“

Doch es klappte nicht! Es klappte gar nicht. Und der Mann mit den Kopfhörern sagte für mich in diesem Moment genau den allerentscheidendsten Satz: „Nein, die Leute, die so etwas tun, sind genau solche Leute, wie Sie!“ und er zeigte auf die pöbelnde Frau, als er das sagte.

Dieser Satz ist so wahr. Es geht nicht um „uns“ und um „euch“, die Muslime und die Nichtmuslime. Es gibt dieses „uns“ und „ihr“ nicht. Es gibt nur die Menschen, die einteilen, die diese Mauern sehen und differenzieren, die hassen und die verallgemeinern. Und es gibt die, die keine Lust auf so etwas haben.

Heute ist für mich die „schweigende Masse“ aufgestanden. Das war unglaublich. Ich habe mich nicht einmal bedankt. Es ging alles so schnell, ich stand unter Schock und ich habe es einfach vergessen!

Wahrscheinlich werde ich diese Leute auch nie wieder sehen und wenn, würde ich sie nicht erkennen. Aber das ist nicht schlimm. Ich möchte mich nämlich hier allgemein an allen Menschen bedanken, die nicht zu den Hassenden gehören. Und ich möchte mich bei allen Menschen bedanken, die nicht mehr die „schweigende Masse“ sind. Ich merke einfach, dass sich derzeit etwas verändert. Wir sind in einer Umbruchphase: Menschen sind plötzlich bereit aufzustehen und den Mund aufzumachen.

Und das ist so großartig. Ich hatte das so sehr vermisst. Wo sind diese Leute die letzten Jahre nur gewesen?

Als ich gestern diesen Tweet geschrieben habe, weil mich das alles so berührt hat, habe ich gemerkt, dass ich nicht die einzige bin, die dieses Gefühl vermisst hat. Das Gefühl, dass wir nicht alleine sind. Wir, die sich den Hass einfach nicht aneignen wollen.

Der Tweet ist viral gegangen. Und natürlich kamen auch Trolle, die mich nerven und runterziehen wollten. Die mir dieses neue und großartige Gefühl, dass alles gut werden wird, wieder wegnehmen wollten. Trolle die einfach so behaupten dieses Erlebnis wäre gelogen, ich würde mich nur als Opfer darstellen wollen und nur PR für den Islam machen, die sogar bewirkt haben, dass ich kurzzeitig von Twitter gesperrt wurde usw. – ich weiß, das alles ergibt keinen Sinn. Glaubt mir, ich verstehe es auch nicht.

Aber das ist auch egal. Wichtig ist: Es war wieder so, wie an der S-Bahnhaltestelle. Es gab wieder unzählige Leute, die aufgestanden sind, die mich unterstützt und verteidigt haben auf Twitter. Völlig fremde Menschen, die mich überhaupt nicht kennen haben mich verteidigt, weil sie einfach keinen Lust mehr haben auf den Hass!

Danke an alle, die mir gestern so viel Mut geschenkt haben!

Ich bin so glücklich, über jeden Menschen, der das wesentliche noch nicht aus den Augen verloren hat und ich möchte dieses Gefühl hier weitergeben und ein bisschen Mut in die Welt streuen, öfter den Mund aufzumachen.

Wir sind nicht allein!

11 Kommentare

  1. Oh wie krass. Danke fürs teilen. Unglaublich, dass es solche dummen Menschen gibt. Aber umso besser zu sehen, dass es doch noch andere gibt. Die dann auch wirklich etwas dagegen sagen. 🙂

    *das Unglaublich meine ich nicht in dem Sinne, dass ich es nicht glaube, sondern dass ich es einfach so unverständlich finde, wie Leute so sein können, wie diese Frau. Was sie sagt macht einfach keinen Sinn.

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  2. (Ursache ist wohl Mißverständnis uns Frustration. Da spielt auch die Symbolkraft der Bekleidung eine auslösende Rolle. Solange es in der Weltreligion und im Stammland des Islam/Mekka/Saudi Arabien – aber auch Iran – irrational aber heftigste Strafen gibt, so man die Haare offen trägt, hat eben dieses religiöse Symbol einen dunklen Schatten)

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  3. Ich bin durch einen Artikel in den Stuttgarter Nachrichten hierauf aufmerksam geworden. Es freut mich für dich, dass es endlich mal Leute gab, die zur richtigen Zeit den Mund aufgemacht haben! Ich bin selbst Muslima, trage aber wegen dieser ständigen Missgunst auf nicht-muslimischer Seite und der politischen Instrumentalisierung auf muslimischer Seite („Kopftuchprämie“ etc.) schon lange kein Kopftuch mehr außerhalb des Gebets/Moschee, auch wenn ich es vermisse. Ist das Freiheit? Die negativen Kommentare gegenüber Islam und Muslimen schmerzen deshalb nicht weniger…

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  4. Liebe Mervy, habe auf merkur.de den Artikel über deinen Tweet bzw. was an der Haltestelle passiert ist, gelesen.
    So schlimm, dass du und andere muslimische Menschen einfach dumm angemacht werden, aber sooo gut, dass Menschen aufgestanden sind, und dich verteidigt haben. Ich fahre auch ganz oft diese Strecke und habe in den öffentlichen Verkehrsmitteln generell immer ein „offenes Ohr“ für solche Situationen, damit ich dann im Fall des Falles mit einschreiten kann.
    Ich wollte dir mit diesem Kommentar einfach eine positive Rückmeldung geben und dir sagen, dass ich toll finde, dass du das veröffentlicht hast. Vielleicht denken jetzt manche Menschen doch noch über ihr Verhalten nach und vielleicht werden andere dazu ermutigt auch den Mund aufzumachen, wenn so etwas Ungerechtes passiert.
    Liebe Grüße,
    Isabell

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  5. Eigentlich habe ich mir geschworen, im Internet keine Kommentare abzugeben, aber für dieses Ereignis muss ich eine Ausnahme machen.

    Schon sehr lange sehe ich Anfeindungen gegenüber anders denkender und glaubender Menschen nicht nur in Deutschland, sondern überall. Nur leider schien es hier überhand zu nehmen, zum mindest habe ich dies geglaubt. Bis ich deine Geschichte hörte.

    Diese Geschichte macht mir nun wieder Mut. Und vor allem Hoffnung, das es doch noch Menschen gibt, die keinen Hass verbreiten wollen, für die auch noch der Mensch zählt.

    Man kann selbstverständlich immer mit irgendwelchen Glaubensrichtlinien argumentieren, und sagen, die Muslime sind am Tod so vieler Menschen schuld. Aber dann müsste man auch sagen, die Christen sind (waren) am Tod so vieler Menschen schuld.

    Religiöse Verblendung und die Denkweise bestimmter Menschen sind es aber, die an diesem Elend Schuld sind.

    Ich bin stolz darauf, das völlig fremde Menschen dich unterstützt haben, denn genau so sollte es sein.

    Wenn Gott, Allah oder an wen auch immer man glaubt, nur ein Gebot an die Menschen übergeben hätte, an das man sich halten sollte, so wäre dies ‚Seid lieb‘.(frei nach John Nivens Roman ‚Gott bewahre‘)

    Ich wünsche mir einfach, dass mehr Menschen helfen, so wie du es erfahren hast und ich bin mir sicher, dass dein Dank diese Menschen erreichen wird.

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  6. Pingback: Samstagslinks / los enlaces del sábado – Geschichten und Meer

  7. Hallo,

    würdest du dich auch auf die Seite von Homosexuellen, Atheisten usw. stellen, wenn diese angegriffen werden?

    Wie siehst du die ganzen Verse im Koran, die die Menscheit zwischen Gläubigen und Ungläubigen aufteilen und das Ungläubige als schlimmer als das Vieh angesehen wird?

    Viele Grüße!

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  8. Hallo Merve,
    in meiner Schule – ich bin Lehrerin – versuche ich meine muslimischen Schüler/innen zu Selbstvertrauen und Stolz auf ihre Religion zu ermutigen.
    Jede Religion ist für den Gläubigen zuerst mal Halt in einer schwierigen Welt, Geborgenheit und das Gefühl, dass das Leben einen Sinn hat. In meiner Kindheit war Religion (Christentum) für mich: Familienfeste,feierliche Kirchgänge, Feiertage, gutes Essen, Zusammensein, Fragen und Versuche von Antworten. Nicht anders ist es für die muslimischen Kinder, auch wenn die Feiertage andere sind. Alle Religionen haben sich – leider – schon furchtbarer Verbrechen schuldig gemacht, und alle haben leuchtende Beispiele der Nächstenliebe und Gerechtigkeit abgegeben. Als beim Völkermord in Ruanda den verfolgten Tutsi die Türen von Kirchen verschlossen wurden, fanden sie in Moscheen Zuflucht. Die Beispiele ließen sich leicht vermehren.
    Dem Glauben der Menschen gebührt Respekt, und der einzelne Mensch sollte nicht nach dem beurteilt werden, was er glaubt, sondern danach, wie er handelt.
    Deinen Blog finde ich gut und werde ihn bei Gelegenheit Schülern zur Lektüre empfehlen.
    Herzliche Grüße
    deine Claudia Oedekoven

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    • Sollte eine Lehrerin nicht neutral sein? Dachte Religion hat an den Schulen, außer im Religionsunterricht nichts zu suchen. Wenn du muslimische Schüler ermutigst, ermutigst du auch atheistische Kinder, die sich wahrscheinlich nicht trauen, sich vor der Familie zu outen?

      Viele nichtmuslimische Kinder werden beleidigt und gemobbt, nur weil sie Schweinefleisch essen. Ich als Ex-Muslim habe das selber gespürt, als ich mal ein Schnitzelbrötchen gegessen habe. War ein Denkanstoss für mich damals, mich mit meiner Religion auseinanderzusetzen. Ich habe den Koran gelesen, die Hadithe, Tafsirs und vieles mehr. Diese Religion bedeutet alles andere als „Frieden“.

      All diese Punkte die du erwähnt hast, wie Feste, Feiertage und gutes Essen kann man auch ohne Religion führen.

      Dem Glauben der Menschen gebührt definitiv Respekt, aber der Koran respektiert eben keine anderen Religionen, es sieht sich als die einzig wahre und perfekte Religion an und wer das nicht einsieht ist schlimmer als das Vieh. Solange Muslime nicht anfangen, selbstkritisch zu sein und ihre eigene Religion kritisieren, wird sich nichts ändern. Denn diese moderaten Muslime schauen einfach nur weg bei den Morden des IS, weil der IS ja nichts mit dem Islam zu tun hätte…

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  9. „Die mir dieses neue und großartige Gefühl, dass alles gut werden wird, wieder wegnehmen wollten.“

    Dazu braucht es keine „Trolle“…London is calling…

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  10. Salam Aleikum, liebe Schwester, ich kenne dieses Gefühl sehr gut! Da ich selbst deutsche Muslima bin und wegen meines Kopftuches genau das selbe in der Sbahn in Hamburg erlebe und meist hilft dir keiner….
    Es gibt sogar Menschen, die einem nicht mal Arbeit gönnen, mich hat man aus einer großen Versicherung rausgemobbt, deswegen. Und das war nicht der Meister Proper der da sauber gemacht hat, sondern der General! Wer clever ist weis was ich meine. Daher es wird an der Zeit das wir begreifen wir sind Menschen und jeder als solcher ist einzigartig und wunderbar mit all seine Fähigkeiten. Ich danke diesen Menschen, die verstanden haben was Mensch sein heißt, den nur so können wir in der heutigen Zeit überlegen mit Toleranz für den anderen und gegenseitiger Hilfe. Mit sonnigem Gruß aus Hamburg Nuria

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